Branchen und Segmente · Auftragsfertigung

MES für Lohnfertigung: Kundentrennung und Nachkalkulation im Griff

Ein Lohnfertiger (Contract Manufacturer) produziert im Auftrag Dritter, oft parallel für viele Kunden mit unterschiedlichen Zeichnungen, Losgrößen und Qualitätsanforderungen. Ein Manufacturing Execution System (MES) für Fertigungsunternehmen im DACH-Raum muss hier mehr leisten als für Serienfertiger mit eigenem Produktprogramm: mandantenfähige Auftragstrennung, präzise Nachkalkulation als Abrechnungsgrundlage und saubere Verwaltung von Beistellungsmaterial. Nach Sectorlens-Projekterfahrung aus über 50 MES-Auswahlprojekten seit 2022 entscheidet genau das über die Anbieterpassung.

IEC 62264
Normenreihe für Unternehmens- und Fertigungsleitsysteme (ISA-95), IEC, seit 2003
ISO 22400
Kennzahlennorm für Produktionsmanagement, Basis für Nachkalkulationslogik, ISO, 2014
50+
MES-Auswahlprojekte mit Fertigungsunternehmen seit 2022 (Sectorlens-Erhebung)
6 Min.
Dauer der kostenlosen MES-Kurzanalyse für Ihre Fertigung
Mandantenfähigkeit Nachkalkulation Beistellungsmaterial Kundenaudits Rückverfolgbarkeit
Ausgangslage

Auftragsfertigung ist kein Sonderfall.
Sie ist ein anderes Betriebsmodell.

Ein Lohnfertiger produziert im Auftrag Dritter, häufig parallel für zehn, zwanzig oder mehr Kunden mit unterschiedlichen Zeichnungen, Losgrößen und Qualitätsvorgaben, oft in der Metallverarbeitung, im Maschinenbau oder in der Elektronikfertigung. Ein MES, das für Fertiger mit eigenem Produktprogramm entwickelt wurde, bildet dieses Betriebsmodell häufig nur unvollständig ab, weil dort ein einziger interner Auftraggeber die Regeln setzt. In der Lohnfertigung setzt dagegen jeder Kunde eigene Vorgaben zu Dokumentation, Rückverfolgung und Materialherkunft. Wer in der Metallverarbeitung fertigt, findet vertiefende Anforderungen im Beitrag MES für die Metallverarbeitung.

01

Mandantenfähigkeit

Daten, Zeichnungen und teils auch Material dürfen zwischen Kundenaufträgen nicht vermischt werden. Das MES muss Kundenaufträge wie eigenständige Mandanten behandeln, inklusive getrennter Zugriffsrechte und Dokumentenablage.

02

Nachkalkulation als Abrechnungsgrundlage

Die exakte Erfassung von Rüst-, Lauf- und Stillstandszeiten je Kundenauftrag ist nicht nur internes Controlling, sondern direkte Grundlage für die Rechnungsstellung an den Auftraggeber.

03

Vertragliche Rückverfolgbarkeit

Kunden fordern häufig vertraglich Rückverfolgbarkeit bis zur Charge oder Maschine, teils mit eigenem Zugriff auf Fertigungsdaten im Rahmen von Kundenaudits.

04

Beistellungsmaterial

Liefert der Kunde Material oder Bauteile an, muss dieses als Beistellung separat vom eigenen Bestand geführt werden, inklusive Herkunft, Menge und Verbleib.

05

Wechselnde Spezifikationen

Häufig wechselnde Auftraggeber und Spezifikationen verlangen hohe Rüst- und Umstellflexibilität bei gleichzeitig strikter Dokumentationspflicht je Auftrag.

Mandantenfähigkeit

Kundentrennung ist Pflicht, nicht Komfortfunktion

Mandantenfähigkeit heißt: Jeder Kundenauftrag wird im MES wie ein eigenständiger Bereich behandelt, mit eigenen Zugriffsrechten, eigener Zeichnungsablage und, sofern der Kunde Material beistellt, eigenem Bestandssegment. Das unterscheidet sich deutlich von Systemen, die für Einzel- oder Kleinserienfertiger mit einem einzigen internen Auftraggeber konzipiert sind, siehe dazu auch MES für Einzelfertigung. Ohne echtes Rechtekonzept auf Auftrags- oder Kundenebene wird aus einem einfachen Textfeld "Kunde" schnell ein Datenschutz- und Vertragsrisiko.

DimensionFertiger mit eigenem ProduktprogrammLohnfertiger (Contract Manufacturer)
AuftragsstrukturWenige, oft standardisierte Produktlinien für einen internen AuftraggeberViele parallele Kundenaufträge mit unterschiedlichen Spezifikationen Mandantenfähig
DatenzugriffUnternehmensweit meist einheitliches RechtemodellMandantengetrennt, teils mit Lesezugriff für Kundenauditoren
ZeichnungsverwaltungZentrale, eigene ProduktdokumentationKundeneigene Zeichnungen, versioniert je Auftraggeber
MaterialbestandEin Eigenbestand, ein LagersystemEigenbestand plus Beistellungsmaterial, pro Kunde getrennt geführt
KalkulationNachkalkulation vor allem für internes ControllingNachkalkulation als direkte Grundlage der Rechnungsstellung
Berichte und ZertifikateInterne Reports, ein FormatKundenspezifisch exportierbare Berichte und Zertifikate
Nachkalkulation

Nachkalkulation ist Rechnungsgrundlage, kein Nice-to-have

Bei Fertigern mit eigenem Produktprogramm dient die Nachkalkulation meist dem internen Controlling: Abweichungen zwischen Plan und Ist fließen in die nächste Kalkulation ein. Bei Lohnfertigern ist sie geschäftskritisch, weil sie häufig direkt die Rechnung an den Kunden bestimmt, insbesondere bei Abrechnung nach tatsächlichem Zeit- und Materialaufwand. Die Grundlage dafür liefert eine durchgängige Maschinen- und Betriebsdatenerfassung (MDE und BDE), die Rüst-, Lauf- und Stillstandszeiten je Kundenauftrag automatisch erfasst, statt sie manuell aus Werkerzetteln zusammenzutragen.

Beispielrechnung: Ein Kundenauftrag kalkuliert 3,5 Stunden Rüstzeit und 40 Stunden Laufzeit. Erfasst das MES per BDE/MDE tatsächlich 46 Stunden Laufzeit durch ungeplante Nacharbeit, wird die Differenz von 6 Stunden auftragsscharf sichtbar. Je nach Vertragsmodell lässt sie sich dem Kunden nachberechnen oder bei Festpreisvereinbarung zumindest intern als Kalkulationsabweichung dokumentieren. Ohne durchgängige Zeiterfassung je Auftrag bleibt diese Differenz unsichtbar und die nächste Kalkulation für denselben Kunden wiederholt den Fehler.

Welche Kostenspannen für Lizenz, Einführung und Betrieb eines MES marktüblich sind, zeigt der Beitrag MES-Kosten: Spannen und TCO. Erfahrungswerte aus Sectorlens-Auswahlprojekten seit 2022, keine Listenpreise.

Rückverfolgbarkeit

Rückverfolgbarkeit ist bei Lohnfertigern vertraglich gefordert, nicht optional

Viele Auftraggeber verlangen von ihrem Lohnfertiger vertraglich dokumentierte Rückverfolgbarkeit bis zur Charge oder zur Maschine, teils mit eigenem Zugriffsrecht im Rahmen von Kundenaudits. Was ein MES dafür technisch leisten muss, ist ausführlich im Beitrag Traceability im MES beschrieben.

Materialebene

Los- und Chargenrückverfolgung

Jede Materialcharge wird vom Wareneingang über die Fertigungsschritte bis zum Endprodukt dokumentiert, inklusive der eingesetzten Maschine und des verantwortlichen Bedieners je Schritt.

Standardisierte Datenträger, etwa GS1-konforme Barcodes, erleichtern den Abgleich zwischen Wareneingang, Fertigung und Kundenlieferschein (GS1, Global Traceability Standard).

Zugriffsebene

Kundenauditfähigkeit

Ein separates Berechtigungsprofil erlaubt Kundenauditoren Lesezugriff ausschließlich auf die Daten des eigenen Auftrags, ohne Einblick in Aufträge anderer Kunden.

Ohne dieses Rechtekonzept besteht das Risiko, dass ein Kundenaudit versehentlich fremde Kundendaten offenlegt.

Exportebene

Zertifikats- und Berichtsexport

Kundenspezifische Werkszeugnisse und Prüfberichte lassen sich im vom Auftraggeber geforderten Format exportieren, statt jedes Mal manuell zusammengestellt zu werden.

Das reduziert den administrativen Aufwand bei jedem neuen Kundenauftrag spürbar.

Beistellungsmaterial

Wenn der Kunde das Material mitbringt

Beistellung bezeichnet Material oder Bauteile, die der Auftraggeber selbst an den Lohnfertiger liefert, statt dass dieser sie einkauft. Dieses Material bleibt in der Regel wirtschaftliches Eigentum des Kunden und darf im Bestand nicht mit dem Eigenmaterial des Lohnfertigers vermischt werden. Die physische Trennung ist Aufgabe von Lager und MES, die buchhalterische Behandlung als Fremdeigentum liegt meist im ERP. Wie sich beide Systeme dabei abgrenzen, zeigt der Beitrag MES vs. ERP: Abgrenzung und Zusammenspiel.

01

Wareneingang gegen Kundenauftrag

Beistellungsmaterial wird gegen den Kundenauftrag gebucht, nicht gegen eine eigene Bestellung, damit die Herkunft von Anfang an dokumentiert ist.

02

Fremdeigentum-Kennzeichnung

Der Bestand wird im MES als Fremdeigentum gekennzeichnet und getrennt vom Eigenmaterial des Lohnfertigers geführt, auch wenn er im selben Lager liegt.

03

Rückverfolgung zum Fertigungsauftrag

Jede Beistellungscharge lässt sich vom Wareneingang über den Fertigungsauftrag bis zum Endprodukt zurückverfolgen, analog zum eigenen Material.

04

Rückgabe von Restmaterial

Am Auftragsende weist das MES ungenutzte Restbestände automatisch dem richtigen Kunden zu, statt sie in einem allgemeinen Restebestand zu verlieren.

Vertragsende

Der Kunde geht. Was passiert mit seinen Daten?

Ein Kundenwechsel ist im Auftragsfertigungsgeschäft keine Ausnahme, sondern ein planbares Risiko. Was mit Zeichnungen, Prozessdaten und Rückverfolgungsdaten beim Vertragsende passiert, wird in der Praxis selten geklärt, bevor der Streitfall eintritt. Ein MES kann diese vertraglichen Fragen nicht ersetzen, muss aber die technische Grundlage liefern, um Zusagen zu Rückgabe und Löschung überhaupt einzuhalten.

01

Datenrückgabe vereinbaren

Legen Sie im Fertigungsvertrag fest, in welchem Format (etwa exportierte Zeichnungen, PDF-Prüfprotokolle, CSV-Auszüge) und innerhalb welcher Frist Sie Kundendaten nach Vertragsende zurückgeben. Ein MES mit mandantenspezifischem Exportprofil beschleunigt diesen Export deutlich, statt Daten manuell aus mehreren Auftragsakten zusammenzusuchen.

02

Löschfristen und Aufbewahrungspflichten

Artikel 17 DSGVO regelt das Recht auf Löschung, Artikel 5 Absatz 1 Buchstabe e DSGVO das Prinzip der Speicherbegrenzung. Gleichzeitig können branchenspezifische Aufbewahrungspflichten entgegenstehen, etwa Artikel 10 Absatz 8 der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR, EU 2017/745), die für technische Dokumentation eine Mindestaufbewahrung von zehn, bei Implantaten fünfzehn Jahren nach Inverkehrbringen des letzten Produkts vorschreibt. Welche Frist gilt, hängt vom Kunden und dessen Branche ab und sollte vor der MES-Auswahl mit den wichtigsten Auftraggebern geklärt werden.

03

Eigentum an Prozessdaten

Klären Sie vertraglich, ob Zeichnungen, CAD-Daten und Prozessparameter im Eigentum des Kunden verbleiben oder ob eigene Optimierungen, etwa angepasste Rüstzeiten, beim Lohnfertiger bleiben dürfen. Ohne klare Regelung entstehen bei beendeten Kundenbeziehungen leicht Auseinandersetzungen über Nutzungsrechte an Prozess-Know-how.

04

Löschnachweis

Ein MES mit Mandantenlogik kann beim Löschen eines Mandanten ein Löschprotokoll erzeugen, das Datum, Umfang und ausführenden Nutzer dokumentiert. Das ist im Streitfall der wesentliche Beleg dafür, dass eine vertraglich zugesagte Löschung tatsächlich stattgefunden hat.

Rechtsstand August 2026. Für die Auslegung im konkreten Fall, insbesondere bei branchenspezifischen Aufbewahrungspflichten, ziehen Sie Ihre Rechtsabteilung hinzu. Wie Sie diese Anforderungen in ein MES-Lastenheft übersetzen und welche Exportformate Sie dort festschreiben sollten, zeigt der verlinkte Beitrag.

IT-Sicherheit

Mandantentrennung ist auch eine Sicherheitsfrage

Ein Rechte- und Rollenkonzept auf Anwendungsebene reicht nicht aus, wenn die zugrunde liegende Infrastruktur Mandanten nicht auch technisch trennt. Für Kunden aus regulierten Branchen wie Automotive, Medizintechnik oder Pharma ist die Sicherheit der Mandantentrennung häufig Teil des Lieferantenaudits, nicht nur eine interne IT-Frage. Kleinere Lohnfertiger ohne regulierte Auftraggeber benötigen in der Regel nicht dieselbe Sicherheitstiefe wie ein Zulieferer mit audit-pflichtigen Großkunden. Die Anforderungen sollten sich am tatsächlichen Kundenprofil orientieren, nicht am theoretischen Maximum.

Datenebene

Verschlüsselung je Mandant

Daten sollten sowohl bei der Übertragung (TLS) als auch bei der Speicherung verschlüsselt sein. Fragen Sie konkret, ob die Verschlüsselung auf Datenbankebene mandantenübergreifend einheitlich ist oder ob sich einzelne Mandanten separat verschlüsseln lassen.

Artikel 32 DSGVO verlangt technische und organisatorische Maßnahmen, die dem Risiko der Verarbeitung angemessen sind. Verschlüsselung wird dort ausdrücklich als Beispielmaßnahme genannt.

Netzwerkebene

Segmentierung nach IEC 62443

Sind Maschinen direkt an das MES angebunden, sollte die Netzwerksegmentierung dem Zonen- und Conduit-Modell der IEC 62443 folgen, der internationalen Normenreihe für Sicherheit in industriellen Automatisierungssystemen (OT-Security). So verschafft ein kompromittiertes Gerät in einem Mandantenbereich keinen automatischen Zugriff auf andere Bereiche.

Wie sich Maschinen sicher anbinden lassen, beschreibt der Beitrag OPC UA für MES im Detail.

Protokollebene

Audit-Trail je Zugriff

Ein lückenloses Zugriffsprotokoll zeigt, welcher Nutzer wann auf welchen Mandanten zugegriffen hat. Das ist die Grundlage, um im Streitfall oder bei einem Kundenaudit nachzuweisen, dass keine unautorisierten Zugriffe stattgefunden haben.

Details zu Audit-Trail-Anforderungen im MES liefert der Beitrag Qualitätsmanagement im MES.

Entscheidungshilfe

Wenn es kritisch wird: Was in vier Grenzfällen zu tun ist

Diese vier Situationen betreffen betriebswirtschaftliche Risiken, die im Tagesgeschäft eines Lohnfertigers real vorkommen, in MES-Pflichtenheften aber selten mitgedacht werden. Die Empfehlungen sind Ausgangspunkte für das Gespräch mit Anbieter und Rechtsabteilung, kein Ersatz dafür.

Wenn diese Situation eintrittWas in der Praxis zu tun ist
Ein Großkunde mit hohem Umsatzanteil kündigt oder springt abPrüfen Sie vor Vertragsabschluss, ob die MES-Lizenz an der Zahl aktiver Mandanten hängt oder pauschal berechnet wird. Bei mandantenabhängiger Lizenzierung sinken Kosten mit dem Wegfall automatisch, bei Pauschallizenzen bleibt die Kostenbasis bestehen, auch wenn ein Mandant inaktiv ist.
Ein Kunde wird während eines laufenden Auftrags insolventKlären Sie vertraglich das Eigentum an Beistellungsmaterial und Halbfertigerzeugnissen. Ein MES, das den Fertigungsstatus je Auftrag lückenlos dokumentiert, liefert im Insolvenzverfahren den Nachweis über den Wert der bereits erbrachten Leistung.
Ein Kunde verlangt Einsicht in Ihre KalkulationsgrundlageNutzen Sie ein MES mit granularer Exportsteuerung, das nur vertraglich vereinbarte Kennzahlen wie Ist-Zeiten freigibt, ohne interne Kalkulationsaufschläge oder Margen offenzulegen.
Ein Kunde wechselt zu einem anderen LohnfertigerHalten Sie sich an die im Vertrag vereinbarten Fristen und Formate zur Datenrückgabe und lassen Sie sich die Löschung durch das MES protokollieren. Details dazu im Abschnitt zur Datenrückgabe weiter oben auf dieser Seite.
Praxis

Bevor Sie mit Anbietern sprechen: Diese Fragen entscheiden über die Passung

Diese zehn Fragen betreffen genau die Punkte, an denen Standard-MES-Systeme in der Lohnfertigung häufig scheitern. Stellen Sie sie im Anbietergespräch konkret und lassen Sie sich die Antworten am System zeigen, nicht nur beschreiben.

01

Wie trennt das System Kundenaufträge auf Datenebene?

Achten Sie darauf, ob es sich um echte Mandantentrennung mit eigenen Zugriffsrechten handelt oder nur um ein Auftragsfeld ohne Rechtekonzept.

02

Kann ein Kunde eigenständig auf seine Fertigungsdaten zugreifen?

Prüfen Sie, ob ein eingeschränkter Lesezugriff für Kundenauditoren vorgesehen ist, ohne dass andere Kundendaten sichtbar werden.

03

Wie wird Beistellungsmaterial vom Eigenbestand getrennt geführt?

Fragen Sie nach der Kennzeichnung als Fremdeigentum und der Verknüpfung zu Kundenauftrag und Wareneingang.

04

Wie granular werden Rüst-, Lauf- und Stillstandszeiten je Auftrag erfasst?

Das ist die Grundlage jeder Nachkalkulation. Prüfen Sie, ob die Erfassung manuell, halbautomatisch oder vollautomatisch per BDE/MDE erfolgt.

05

Erzeugt das System automatisch eine Nachkalkulation je Kundenauftrag?

Fragen Sie nach dem konkreten Report und ob er direkt als Abrechnungsgrundlage exportierbar ist.

06

Können Berichte und Zertifikate im Format des jeweiligen Kunden exportiert werden?

Viele Auftraggeber verlangen eigene Vorlagen. Klären Sie den Aufwand für individuelle Exportformate.

07

Wie tief reicht die Rückverfolgbarkeit, bis zur Charge, Maschine oder zum Bediener?

Klären Sie, ob Materialcharge, Maschine, Werkzeug und Bediener je Fertigungsschritt dokumentiert werden.

08

Wie schnell lässt sich ein neuer Kunde beziehungsweise Mandant anlegen?

Bei häufig wechselnden Auftraggebern zählt die Time-to-Onboard. Lassen Sie sich eine Zeitangabe aus Referenzprojekten nennen.

09

Wie ist die Zeichnungsverwaltung je Kunde versioniert und geschützt?

Prüfen Sie, ob Zeichnungen kundengebunden abgelegt und Änderungen nachvollziehbar versioniert werden.

10

Was passiert mit ungenutztem Beistellungsmaterial am Auftragsende?

Fragen Sie nach dem Rückgabeprozess und ob Restbestände automatisch dem richtigen Kunden zugeordnet bleiben.

Häufige Fragen

MES für Lohnfertigung: Fragen aus der Praxis

17 Fragen, die in Auswahlprojekten mit Lohnfertigern immer wieder auftauchen, mit knappen, eigenständigen Antworten.

Was unterscheidet ein MES für Lohnfertigung von einem MES für Serienfertiger?

Ein MES für Lohnfertigung muss Kundenaufträge mandantenfähig trennen, weil Zeichnungen, Daten und teils Material verschiedener Auftraggeber nicht vermischt werden dürfen. Serienfertiger mit eigenem Produktprogramm benötigen diese Trennung meist nicht, da sie für einen einzigen internen Auftraggeber produzieren. Zusätzlich ist bei Lohnfertigern die Nachkalkulation je Auftrag geschäftskritisch, weil sie direkt in die Rechnungsstellung einfließt. Auch Beistellungsmaterial-Handling und kundenspezifische Berichtsexporte sind Anforderungen, die in Standard-MES-Pflichtenheften für Serienfertiger häufig fehlen.

Was bedeutet Mandantenfähigkeit in einem MES konkret?

Mandantenfähigkeit bedeutet, dass das MES jeden Kundenauftrag wie einen eigenständigen Bereich mit getrennten Zugriffsrechten, Dokumenten und teils Materialbeständen behandelt. Nutzer und, im Fall von Kundenaudits, auch externe Auditoren dürfen nur die Daten des jeweils zugeordneten Kundenauftrags sehen. Technisch wird das meist über Rollen- und Rechtekonzepte auf Auftrags- oder Kundenebene gelöst, nicht nur über ein einfaches Textfeld für den Kundennamen. Ohne echte Mandantenfähigkeit besteht das Risiko, dass Zeichnungen oder Prozessdaten eines Kunden versehentlich für einen anderen sichtbar werden.

Warum ist die Nachkalkulation für Lohnfertiger so wichtig?

Bei Lohnfertigern bildet die Nachkalkulation häufig die direkte Grundlage für die Rechnungsstellung an den Kunden, nicht nur für internes Controlling. Wird beispielsweise nach tatsächlichem Zeit- und Materialaufwand abgerechnet, muss jede Rüst-, Lauf- und Stillstandszeit auftragsscharf und belastbar erfasst sein. Fehlt diese Genauigkeit, drohen entweder Unterdeckung durch nicht abgerechnete Mehraufwände oder Streit mit dem Kunden über die Rechnungshöhe. Ein MES mit automatisierter Betriebsdatenerfassung liefert hier deutlich belastbarere Zahlen als eine manuelle Nacherfassung in Excel.

Was ist Beistellungsmaterial und warum braucht es eine eigene Verwaltung im MES?

Beistellungsmaterial bezeichnet Material oder Bauteile, die der Auftraggeber selbst an den Lohnfertiger liefert, statt dass dieser sie einkauft. Dieses Material bleibt in der Regel wirtschaftliches Eigentum des Kunden und darf im Bestand nicht mit dem Eigenmaterial des Lohnfertigers vermischt werden. Ein MES muss deshalb Beistellungsmaterial separat kennzeichnen, den Wareneingang gegen den Kundenauftrag statt gegen eine eigene Bestellung buchen und am Ende Restbestände dem richtigen Kunden zuordnen können. Fehlt diese Trennung, wird die Rückverfolgung im Streitfall schwierig und Restmaterial lässt sich nicht sauber abrechnen oder zurückgeben.

Wie tief muss die Rückverfolgbarkeit bei Lohnfertigern reichen?

Wie tief die Rückverfolgbarkeit reichen muss, legt in der Regel der Kunde vertraglich fest, häufig bis zur Materialcharge, zur eingesetzten Maschine und zum verantwortlichen Bediener je Fertigungsschritt. Viele Auftraggeber behalten sich zusätzlich das Recht auf Kundenaudits mit Einsicht in die Fertigungsdaten vor. Ein MES sollte deshalb nicht nur Ist-Daten erfassen, sondern sie auch in einem für den Kunden nachvollziehbaren, exportierbaren Format bereitstellen können. Die konkrete Tiefe unterscheidet sich je nach Branche und Kunde und sollte vor der MES-Auswahl mit den wichtigsten Auftraggebern abgestimmt werden.

Können Kunden direkten Zugriff auf die Fertigungsdaten im MES erhalten?

Ja, viele MES-Systeme unterstützen einen eingeschränkten Lesezugriff für Kundenauditoren, der ausschließlich die Daten des jeweiligen Kundenauftrags zeigt. Dieser Zugriff wird typischerweise über ein separates Berechtigungsprofil eingerichtet, das keine Einsicht in Aufträge anderer Kunden erlaubt. Ob und wie ein Anbieter das technisch umsetzt, unterscheidet sich stark, weshalb dies eine der zentralen Prüffragen im Anbietergespräch sein sollte. Ohne sauberes Rechtekonzept besteht sonst das Risiko, dass ein Kundenaudit versehentlich Einblick in fremde Kundendaten gewährt.

Welche Rolle spielt ISO 22400 bei der Nachkalkulation im MES?

ISO 22400 ist eine internationale Norm für Kennzahlen im Produktionsmanagement, veröffentlicht 2014, die unter anderem Definitionen für Verfügbarkeit, Leistung und Qualität liefert, aus denen sich auch Zeit- und Kostenkennzahlen je Auftrag ableiten lassen. Für die Nachkalkulation ist relevant, dass ein MES Rüst-, Lauf- und Stillstandszeiten nach einheitlicher Logik erfasst, damit sie zwischen Kundenaufträgen vergleichbar und auswertbar bleiben. Orientiert sich der Anbieter an dieser Normlogik, lassen sich Auswertungen leichter mit anderen Systemen oder Kundenanforderungen abgleichen. Verbindlich für die Abrechnung bleibt jedoch immer der individuelle Vertrag mit dem Auftraggeber, nicht die Norm selbst.

Was hat IEC 62264 (ISA-95) mit Mandantenfähigkeit zu tun?

IEC 62264, auch als ISA-95 bekannt, ist eine internationale Normenreihe zur Integration von Unternehmensleitsystemen und Fertigungsleitsystemen, deren erster Teil 2003 veröffentlicht wurde. Sie definiert unter anderem Datenmodelle für Aufträge, Ressourcen und Produktionsleistung, auf denen viele MES-Systeme ihre Auftragsstruktur aufbauen. Für Lohnfertiger ist relevant, dass eine sauber nach ISA-95 modellierte Auftragsstruktur die Grundlage für eine belastbare Mandantentrennung bilden kann, weil Aufträge, Ressourcen und Daten von Anfang an klar zugeordnet sind. Die Norm selbst schreibt keine Mandantenfähigkeit vor, liefert aber das strukturelle Gerüst, auf dem sie sich sauberer umsetzen lässt.

Reicht ein normales ERP-System für die Anforderungen von Lohnfertigern nicht aus?

Ein ERP-System bildet Aufträge, Bestände und Abrechnung auf Unternehmensebene ab, erfasst aber in der Regel keine Echtzeitdaten direkt von Maschinen und Werkern. Für die auftragsscharfe Nachkalkulation und die lückenlose Rückverfolgbarkeit, die Lohnfertiger brauchen, fehlt dem ERP häufig die feingranulare Betriebsdatenerfassung auf Schichtebene. Ein MES schließt diese Lücke, indem es Ist-Zeiten, Materialverbrauch und Qualitätsdaten direkt am Arbeitsplatz erfasst und dem jeweiligen Kundenauftrag zuordnet. Die Abgrenzung und das Zusammenspiel beider Systeme sind ausführlich im Beitrag MES vs. ERP: Abgrenzung und Zusammenspiel beschrieben.

Wie schnell lässt sich ein MES für einen neuen Kundenauftrag oder Mandanten einrichten?

Wie schnell ein neuer Kunde oder Mandant angelegt werden kann, hängt stark vom Anbieter und vom Vorbereitungsgrad der Stammdaten ab, weshalb Sie sich im Anbietergespräch konkrete Zeitangaben aus Referenzprojekten nennen lassen sollten. Bei häufig wechselnden Auftraggebern ist die Time-to-Onboard ein praktisch relevantes Auswahlkriterium, das in klassischen MES-Pflichtenheften für Serienfertiger selten vorkommt. Systeme mit vorkonfigurierten Mandanten-Templates können neue Kunden oft deutlich schneller aufnehmen als Systeme, die jede Struktur manuell neu anlegen. Fragen Sie außerdem, ob Stammdaten wie Materialstämme oder Arbeitspläne zwischen Mandanten wiederverwendet werden können, ohne die Datentrennung zu gefährden.

Was kostet ein MES für Lohnfertigung im Vergleich zu einem Standard-MES?

Die reinen Lizenz- und Implementierungskosten unterscheiden sich nicht grundsätzlich von einem Standard-MES, zusätzliche Kosten entstehen häufig durch den Konfigurationsaufwand für Mandantenfähigkeit, kundenspezifische Berichtsvorlagen und Beistellungsmaterial-Workflows. Nach Sectorlens-Projekterfahrung seit 2022 lohnt sich ein genauer Blick auf den Implementierungsaufwand für die Rechtestruktur, da dieser bei mandantenfähigen Systemen oft unterschätzt wird. Eine vollständige Aufschlüsselung der Kostenspannen für Lizenz, Einführung und Betrieb finden Sie im Beitrag zu MES-Kosten und TCO. Ein belastbares Angebot sollte den Aufwand für Mandantenkonfiguration und individuelle Exportformate immer separat ausweisen.

Können mehrere Kunden dieselben Maschinen im MES nutzen, ohne dass Daten vermischt werden?

Ja, das ist sogar der Normalfall bei Lohnfertigern, da dieselbe Maschine im Tagesverlauf für unterschiedliche Kundenaufträge eingesetzt wird. Das MES muss dabei jeden Fertigungsauftrag inklusive Rüst-, Lauf- und Stillstandszeiten sauber der Maschine und gleichzeitig dem richtigen Kundenauftrag zuordnen, ohne dass sich Daten verschiedener Aufträge vermischen. Technisch geschieht das über die Auftragslogik im MES, nicht über eine physische Trennung der Maschinen. Wichtig ist, dass Auswertungen wie OEE oder Stillstandsanalysen sowohl maschinenbezogen als auch auftragsbezogen möglich sind, damit sich sowohl Anlagenauslastung als auch Kundenrentabilität beurteilen lassen.

Was passiert mit Zeichnungen und Fertigungsdaten eines Kunden, wenn dieser den Lohnfertiger wechselt?

Was mit den Daten passiert, sollte vertraglich vor Auftragsbeginn geregelt sein, üblich sind eine Rückgabefrist und ein vereinbartes Exportformat für Zeichnungen, Prozessdaten und Prüfprotokolle. Ein MES mit mandantenspezifischem Exportprofil kann diese Daten deutlich schneller zusammenstellen als eine manuelle Suche durch mehrere Auftragsakten. Nach der Rückgabe empfiehlt sich ein dokumentiertes Löschprotokoll, das Datum, Umfang und ausführenden Nutzer festhält. Ohne diese Dokumentation lässt sich im Streitfall schwer nachweisen, dass eine zugesagte Löschung tatsächlich erfolgt ist.

Wie lange müssen Lohnfertiger Fertigungs- und Qualitätsdaten eines Kunden aufbewahren?

Die Aufbewahrungsfrist hängt vom Kunden und dessen Branche ab und wird in der Regel vertraglich festgelegt, nicht einseitig vom Lohnfertiger bestimmt. Für Medizinprodukte schreibt Artikel 10 Absatz 8 der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR, EU 2017/745) eine Mindestaufbewahrung von zehn Jahren, bei Implantaten von fünfzehn Jahren nach Inverkehrbringen des letzten Produkts vor. Gleichzeitig verlangt Artikel 5 Absatz 1 Buchstabe e DSGVO, personenbezogene Daten nicht länger als für den Zweck nötig vorzuhalten. Klären Sie deshalb vor der MES-Auswahl mit Ihren wichtigsten Auftraggebern, welche Frist im Einzelfall gilt.

Reicht ein Rechte- und Rollenkonzept in der Software aus, um Mandanten technisch sauber zu trennen?

Ein Rechtekonzept auf Anwendungsebene ist notwendig, aber nicht ausreichend, wenn die zugrunde liegende Infrastruktur Mandanten nicht auch technisch trennt. Dazu gehören Verschlüsselung der Daten bei Übertragung und Speicherung sowie, bei direkt angebundenen Maschinen, eine Netzwerksegmentierung nach dem Zonenmodell der IEC 62443. Für Kunden aus regulierten Branchen wie Automotive oder Medizintechnik ist diese technische Tiefe häufig Teil des Lieferantenaudits. Kleinere Lohnfertiger ohne regulierte Auftraggeber benötigen in der Regel nicht dieselbe Sicherheitstiefe, die Anforderungen sollten sich am tatsächlichen Kundenprofil orientieren.

Was passiert mit dem MES-Vertrag, wenn ein Großkunde abspringt oder insolvent wird?

Das hängt vom Lizenzmodell ab, das Sie mit dem MES-Anbieter vereinbart haben. Bei einer Lizenzierung je aktivem Mandanten sinken die Kosten mit dem Wegfall des Kunden automatisch, bei einer Pauschallizenz bleibt die Kostenbasis unverändert bestehen. Wird der Kunde während eines laufenden Auftrags insolvent, hilft ein MES, das den Fertigungsstatus lückenlos dokumentiert, den Wert der bereits erbrachten Leistung im Insolvenzverfahren nachzuweisen. Klären Sie das Lizenzmodell deshalb bereits im Anbietergespräch, nicht erst beim ersten Kundenverlust.

Muss ich meinem Kunden Einblick in meine Kalkulationsgrundlage geben?

Das hängt vom vertraglich vereinbarten Abrechnungsmodell ab, bei Abrechnung nach tatsächlichem Zeit- und Materialaufwand verlangen Kunden häufiger Einsicht in die zugrunde liegenden Ist-Zeiten. Ein MES mit granularer Exportsteuerung kann so konfiguriert werden, dass nur vertraglich vereinbarte Kennzahlen wie Rüst- und Laufzeiten freigegeben werden, während interne Kalkulationsaufschläge und Margen verborgen bleiben. Ohne diese Steuerungsmöglichkeit müssen Sie Berichte manuell aufbereiten, was bei häufigen Kundenanfragen zu spürbarem Zusatzaufwand führt. Klären Sie die gewünschte Exporttiefe deshalb bereits bei der Anbieterauswahl.

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