ISA-95 und IEC 62264 erklärt: die Norm hinter jedem MES

ISA-95, offiziell ANSI/ISA-95, ist der internationale Referenzstandard für die Integration von Geschäfts- und Fertigungssystemen und liegt praktisch jedem Manufacturing Execution System (MES) zugrunde, das heute in deutschen, österreichischen und schweizerischen Fertigungsunternehmen im Einsatz ist. International ist er nahezu deckungsgleich als IEC 62264 genormt, herausgegeben von der International Electrotechnical Commission (IEC), dem globalen Normungsgremium für Elektrotechnik mit Sitz in Genf. Der Standard ordnet ein Fertigungsunternehmen in fünf Hierarchieebenen von Level 0, dem physischen Produktionsprozess, bis Level 4, der Geschäftsplanung, und definiert im dritten Teil ein Funktionsmodell für die Fertigungsbetriebsebene, auf der MES arbeiten. Die aktuellste Revision, ANSI/ISA-95.00.01-2025, erschien im April 2025 und modernisiert das Grundlagenmodell unter anderem für modulare und containerisierte Architekturen. Diese Seite erklärt beide Normen in der Sprache von MES-Auswahlprojekten: die fünf Ebenen, das Funktionsmodell nach IEC 62264-3 und wie sich ISA-95 im Lastenheft und im Anbietergespräch konkret nutzen lässt.

5
Hierarchieebenen, Level 0 bis Level 4 (ISA-95 / IEC 62264-1)
8
Teile umfasst die ISA-95-Standardreihe, Stand isa.org 2026
2025
Jüngste Revision von Teil 1, ANSI/ISA-95.00.01-2025
4
MOM-Domänen nach Teil 3: Produktion, Qualität, Instandhaltung, Bestand
ISA-95 IEC 62264 Level 0–4 MOM-Funktionsmodell ERP / MES / SCADA
Herkunft und Zweck

Eine Norm,
zwei Namen.

ISA-95 und IEC 62264 bezeichnen inhaltlich denselben Standard, herausgegeben von zwei verschiedenen Normungsgremien. Wer den Unterschied kennt, liest Anbieterunterlagen und Lastenhefte präziser.

Die International Society of Automation (ISA), ein US-amerikanischer Berufsverband für Automatisierungstechnik, entwickelt die Standardreihe ANSI/ISA-95 seit Mitte der 1990er-Jahre (Quelle: isa.org). Ziel ist es, laut ISA die Schnittstellen zwischen Fertigungssteuerung und übrigen Unternehmensfunktionen so zu definieren, dass sich Risiken, Kosten und Fehler bei deren Umsetzung verringern. Die International Electrotechnical Commission (IEC), das internationale Normungsgremium für Elektrotechnik und verwandte Technologien mit Sitz in Genf, übernimmt die ISA-95-Teile inhaltlich weitgehend unverändert als eigene Normreihe IEC 62264. Beide Ausgaben tragen dieselben Teiltitel und dasselbe Modell, unterscheiden sich aber in Nummerierung, Ausgabejahr und Bezugsquelle. Mit der 2025 veröffentlichten US-Revision von Teil 1, ANSI/ISA-95.00.01-2025, geführt als „IEC 62264-1 Mod", weicht die ISA-Fassung laut isa.org erstmals bewusst leicht von der IEC-Fassung ab, unter anderem um digitale Transformationsthemen wie modulare Architekturen und containerisierte Workloads abzubilden. Für die MES-Auswahl in der Praxis bleibt der Unterschied meist zweitrangig: Anbieter, Systemintegratoren und Fachliteratur verwenden „ISA-95" und „IEC 62264" weitgehend austauschbar für dasselbe Ebenen- und Funktionsmodell.

TeilTitelKernthemaAusgabejahr
Teil 1Modelle und TerminologieEbenenmodell, Grundbegriffe, RollenmodelleIEC 62264-1:2003, revidiert 2013; ANSI/ISA-95.00.01-2025
Teil 2Objekte und Attribute für die Integration von Unternehmens- und LeitsystemenDatenobjekte für den Austausch zwischen Level 3 und Level 4IEC 62264-2:2013; ISA-Fassung 2018
Teil 3Aktivitätsmodelle des Manufacturing Operations ManagementFunktionsmodell für Produktion, Qualität, Instandhaltung, BestandIEC 62264-3:2007, revidiert 2016; ISA-Fassung 2013
Teil 4Objektmodelle und Attribute für die MOM-IntegrationVertiefte Datenmodelle je MOM-DomäneIEC 62264-4:2015; ISA-Fassung 2018
Teil 5Transaktionen zwischen Business- und FertigungsanwendungenNachrichtentypen für den Auftragsaustausch Level 3/4ISA-Fassung 2018
Teil 6Messaging Service ModelTechnisches Protokoll für den NachrichtenaustauschISA-Fassung 2014
Teil 7Alias Service ModelVerfahren zur Zuordnung äquivalenter ObjektbezeichnerISA-Fassung 2017
Teil 8Information Exchange ProfilesAustauschprofile mit definierten Verben und NomenISA-Fassung 2020

Quelle: ISA (International Society of Automation), isa.org, Standardübersicht ISA-95, Stand 2026; IEC (International Electrotechnical Commission), webstore.iec.ch, Publikationsdaten zu IEC 62264-1 und IEC 62264-3. ISA und IEC revidieren ihre Fassungen unabhängig voneinander, daher können Ausgabejahre je Gremium abweichen.

Das Ebenenmodell

Fünf Ebenen,
eine widerspruchsfreie Landkarte.

ISA-95 Teil 1 (IEC 62264-1) ordnet ein Fertigungsunternehmen in fünf Hierarchieebenen, abgeleitet vom Purdue Reference Model für computerintegrierte Fertigung. Jede Ebene hat einen eigenen Zeithorizont und typische Systeme.

EbeneBezeichnungWas dort passiertTypisches SystemZeithorizont
Level 4Business Planning and LogisticsGeschäftsplanung: Aufträge, Einkauf, Finanzen, GrobplanungERPWochen bis Monate
Level 3Manufacturing Operations ManagementFertigungsbetriebsmanagement: Feinplanung, Dispatching, Qualität, Instandhaltung, BestandMES / MOM-SystemeSchichten bis Minuten
Level 2Monitoring and Supervisory ControlÜberwachung und übergeordnete Steuerung des ProzessesSCADA, HMI, DCSSekunden
Level 1Sensing and ManipulatingErfassen und Beeinflussen des physischen ProzessesSPS, Sensoren, AktorenMillisekunden bis Sekunden
Level 0Physical ProcessDer eigentliche Fertigungsprozess: Maschine, Material, BearbeitungMaschine, Anlage, FeldgerätEchtzeit

Quelle: ISA, ANSI/ISA-95 Teil 1, Modelle und Terminologie; IEC 62264-1. Die ursprüngliche Betrachtung des Standards konzentrierte sich laut isa.org zunächst auf die Schnittstelle zwischen Level 3 und Level 4, das vollständige Fünf-Ebenen-Modell ist heute Teil 1 des Standardtextes. Eine vertiefte Darstellung der Systemtypen inklusive Zuständigkeitsmatrix finden Sie unter MES, ERP, SCADA und MOM im Überblick.

Funktionsmodell, Teil 3

Vier Domänen,
ein wiederkehrendes Muster.

IEC 62264-3 (ISA-95 Teil 3) modelliert nicht ein einzelnes MES, sondern die Aktivitäten der gesamten Fertigungsbetriebsebene, Level 3. Der Standard gliedert sie in vier Domänen des Manufacturing Operations Management (MOM).

Domäne 1

Production Operations Management

Produktionsmanagement im engeren Sinn: Feinplanung von Aufträgen, Dispatching an Arbeitsplätze, Ausführungssteuerung und Rückverfolgung der laufenden Fertigung. Das ist der Kern dessen, was in der Praxis meist als „MES" bezeichnet wird.

Domäne 2

Quality Operations Management

Qualitätsmanagement auf Betriebsebene: Prüfpläne, Grenzwertüberwachung, Sperrlogik und Dokumentation von Prüfergebnissen entlang des Fertigungsprozesses, oft als CAQ-Funktion im MES abgebildet.

Domäne 3

Maintenance Operations Management

Instandhaltungsmanagement: Wartungspläne, Störungsmanagement und die Verbindung zwischen Anlagenzustand und laufender Produktionsplanung, häufig mit Schnittstelle zu einem CMMS-System.

Domäne 4

Inventory Operations Management

Bestandsmanagement auf Betriebsebene: Materialfluss, Pufferbestände, Chargenverfolgung und Bereitstellung an den Arbeitsplatz, abgegrenzt von der Bestandsführung im ERP.

Muster

Acht wiederkehrende Aktivitätskategorien

Innerhalb jeder der vier Domänen beschreibt der Standard dasselbe Set an Aktivitäten: Ressourcenmanagement, Definitionsmanagement, Detailplanung, Dispatching, Ausführungsmanagement, Datenerfassung, Tracking und Leistungsanalyse.

  • Gleiche Struktur in allen vier Domänen
  • Vergleichbarkeit zwischen Anbietern erleichtert
  • Grundlage für die Prüffragen weiter unten
Einordnung

Verhältnis zu den „elf MES-Funktionen"

In Vertrieb und Fachliteratur kursiert häufig ein Modell mit elf MES-Funktionen der MESA International (Manufacturing Enterprise Solutions Association, eine international tätige Branchenvereinigung für Fertigungssoftware, die unter anderem die XML-Spezifikation B2MML herausgibt). Dieses Modell ist nicht Bestandteil des Normtexts von IEC 62264-3, hat den Standard historisch aber beeinflusst und lässt sich weitgehend auf die vier MOM-Domänen und acht Aktivitätskategorien abbilden. Für ein Lastenheft ist die normative Gliederung nach IEC 62264-3 die belastbarere Referenz.

Quelle: IEC 62264-3, Enterprise-control system integration, Part 3: Activity models of manufacturing operations management; Ausgabe 2007, revidiert 2016 (webstore.iec.ch, iso.org). Eine Übersicht, wie sich einzelne MES-Module diesen Domänen zuordnen, finden Sie unter Was ist ein MES.

Abgrenzung

Drei Systeme,
drei Ebenen, drei Zeithorizonte.

ISA-95 liefert die herstellerneutrale Begründung dafür, warum ERP, MES und SCADA unterschiedliche Aufgaben haben und sich nicht gegenseitig ersetzen, sondern über definierte Schnittstellen zusammenarbeiten.

Level 4

ERP

Geschäftsplanung und Logistik: Kundenaufträge, Einkauf, Finanzbuchhaltung, Stücklisten und eine Grobplanung auf Wochen- oder Tagesebene. Das ERP kennt Preise, Konditionen und Debitoren, keine Maschinensignale.

Zeithorizont: Wochen bis Monate
Level 3

MES

Fertigungsbetriebsmanagement nach IEC 62264-3: Feinplanung, Auftragssteuerung, Qualität, Instandhaltung und Bestand auf der laufenden Fertigungsebene. Das MES übersetzt den groben ERP-Auftrag in ausführbare Arbeitsanweisungen und meldet Ist-Daten zurück.

Zeithorizont: Schichten bis Minuten
Level 1–2

SCADA / SPS

Überwachung, Visualisierung und automatisierte Steuerung des physischen Prozesses in Echtzeit. SCADA-Systeme liefern die Rohdaten, die ein MES auf Level 3 zu betriebswirtschaftlich nutzbaren Informationen verdichtet.

Zeithorizont: Millisekunden bis Sekunden

Quelle: ISA/IEC 62264-1, Ebenenmodell. Eine ausführliche Zuständigkeitsmatrix für zwölf konkrete Fertigungsaufgaben, inklusive der häufigsten Fehlzuordnungen zwischen den Systemen, finden Sie unter MES, ERP, SCADA und MOM: Die Systemlandschaft im Überblick und in der Abgrenzung unter MES vs. ERP.

Praktische Relevanz

Vom Normtext
zum Lastenheft.

ISA-95 ist kein akademisches Modell für Normungsausschüsse. Es liefert drei konkrete Werkzeuge für Fertigungsunternehmen, die gerade ein MES auswählen: eine gemeinsame Sprache, ein Objektmodell und einen Prüfmaßstab für den Funktionsumfang.

01

Gemeinsame Sprache im Lastenheft

Wer im Lastenheft von „Level-3-Funktionen" statt von unscharfen Begriffen wie „Fertigungssoftware" spricht, vermeidet Missverständnisse zwischen IT, Produktion und Anbieter. Details zur Erstellung unter MES-Lastenheft erstellen.

02

Objektmodell als Prüfraster

ISA-95 Teil 1 definiert wiederkehrende Objektklassen wie Personal, Equipment, Material und Prozesssegment. Fragen Sie Anbieter, wie ihr Datenmodell diese Objekte abbildet, statt sich mit Bildschirmfotos zufriedenzugeben.

03

Funktionsabdeckung nach Domäne prüfen

Die vier MOM-Domänen aus Teil 3 eignen sich als Prüfraster im Anbietervergleich: Deckt das System Produktion, Qualität, Instandhaltung und Bestand vollständig ab, oder sind einzelne Domänen nur mit Zusatzmodulen oder Partnerlösungen abgedeckt?

04

Klare Schnittstellengrenzen

Das Ebenenmodell zeigt vorab, welche Funktionen ins ERP gehören, welche ins MES und welche in die Steuerungstechnik. Das verhindert Doppelbeschaffungen und unrealistische Erwartungen an die Echtzeitfähigkeit eines MES.

05

Vergleichbarkeit zwischen Anbietern

Anbieter, die ihre Produktarchitektur selbst an ISA-95 ausrichten oder darauf verweisen, liefern in der Regel eine dokumentierte, nachvollziehbare Zuordnung ihrer Module zu Ebenen und Domänen, was den Anbietervergleich erleichtert. Vorgehen und typische Fehler dabei unter MES auswählen: Vorgehen, Kriterien und typische Fehler.

06

Anschluss an weitere Normen

ISA-95 ist der Rahmen, in dem angrenzende Normen ihren Platz finden: OPC UA (IEC 62541) für die technische Maschinenanbindung auf Level 2/3, ISO 22400 für die Definition von Kennzahlen wie OEE auf Level 3. Details unter OPC UA für MES und OEE berechnen nach ISO 22400.

Wo das Modell an seine Grenzen stößt. ISA-95 schreibt weder eine konkrete Softwarearchitektur noch einen Hersteller oder ein Lizenzmodell vor, und der Standard deckt weder IT/OT-Security (dafür ist IEC 62443 einschlägig) noch eine Umsetzungsanleitung für den Kleinbetrieb ab. Für eine Fertigung mit einem einzigen Standort und wenigen Maschinen ist eine vollständige, wortgetreue Modellierung aller vier MOM-Domänen häufig unverhältnismäßig, dort reicht in der Praxis oft ein reduzierter Ausschnitt der Begriffe und Objekte.

Praxisbeispiel

Ein Auftrag,
vier Domänen, ein Modell.

So liest sich das Zusammenspiel der Ebenen und MOM-Domänen an einem schematischen Beispiel: ein Fertigungsauftrag von der Anlage im ERP bis zur Rückmeldung an die Geschäftsebene. Das Beispiel ist illustrativ, keine empirische Erhebung.

01

Auftrag entsteht im ERP

Ein Kundenauftrag wird im ERP (Level 4) grob eingeplant: Menge, Liefertermin, Stückliste. Das ERP kennt Preise und Termine, aber keine Maschinenbelegung.

Level 4 · Business Planning
02

Feinplanung im MES

Die Domäne Production Operations Management übernimmt den groben Auftrag, plant ihn auf konkrete Arbeitsplätze und Schichten ein und erzeugt ausführbare Fertigungsaufträge.

Level 3 · Production Domain
03

Prüfplan wird aktiviert

Parallel aktiviert Quality Operations Management die zum Material passenden Prüfpläne und Grenzwerte, damit Prüfergebnisse während der Fertigung sofort erfasst werden können.

Level 3 · Quality Domain
04

Anlagenverfügbarkeit wird geprüft

Maintenance Operations Management gleicht die geplante Belegung mit anstehenden Wartungsfenstern ab, damit der Auftrag nicht auf eine gerade blockierte Anlage eingeplant wird.

Level 3 · Maintenance Domain
05

Material wird bereitgestellt

Inventory Operations Management stellt das benötigte Material am Arbeitsplatz bereit und bucht den Pufferbestand, abgegrenzt von der Bestandsführung im ERP.

Level 3 · Inventory Domain
06

Ausführung und Rückmeldung

SCADA und SPS (Level 1/2) führen den Prozess aus und liefern Ist-Daten zurück an das MES, das sie zu Fertigmeldung, Prüfprotokoll und OEE-Kennzahl verdichtet und an das ERP zurückmeldet.

Level 0–2 · Ausführung

Schematische Darstellung auf Basis des Ebenen- und Domänenmodells aus IEC 62264-1 und IEC 62264-3, keine Herstellerangabe und keine Fallstudie eines konkreten Projekts. Eine Vorlage, wie sich ein solcher Ablauf in ein eigenes Lastenheft überträgt, finden Sie unter MES-Lastenheft erstellen.

Vertiefung

Nicht nur Teil 1 und 3:
was die übrigen Teile regeln.

Für MES-Auswahlprojekte sind Teil 1 und Teil 3 am unmittelbarsten relevant. Die übrigen Teile werden vor allem bei der technischen Integration zwischen ERP, MES und Umsystemen wichtig, meist Aufgabe des Systemintegrators, nicht der Fachabteilung.

Teil 2

Objekte und Attribute für die Level-3/4-Integration

Definiert die Attribute der in Teil 1 eingeführten Objektklassen, etwa Personal, Equipment, Material und Prozesssegment, im Detail. Relevant, sobald ERP und MES automatisiert Stamm- und Auftragsdaten austauschen sollen.

Teil 4

Objekte und Attribute für die MOM-Integration

Überträgt dasselbe Prinzip auf den Austausch innerhalb von Level 3: wie Produktions-, Qualitäts-, Instandhaltungs- und Bestandsanwendungen untereinander Daten austauschen, etwa wenn MES und CMMS getrennte Systeme sind.

Teil 5

Transaktionen zwischen Business- und Fertigungsanwendungen

Definiert konkrete Nachrichtentypen, etwa für die Übergabe eines Produktionsplans an das MES oder die Rückmeldung von Fertigungsergebnissen an das ERP. Praktisch die Vorlage für Schnittstellenspezifikationen.

Teil 6

Messaging Service Model

Beschreibt technologieneutral, wie die in den übrigen Teilen definierten Nachrichten transportiert werden, unabhängig davon, ob die Umsetzung später auf REST, Nachrichtenwarteschlangen oder Dateiaustausch setzt.

Teil 7

Alias Service Model

Regelt, wie sich unterschiedliche Bezeichner für dasselbe Objekt zwischen Systemen einander zuordnen lassen, etwa wenn ERP und MES einen Arbeitsplatz unter verschiedenen internen Kürzeln führen.

Teil 8

Information Exchange Profiles

Bündelt Verben und Objekte aus den übrigen Teilen zu vorkonfigurierten Austauschprofilen für wiederkehrende Integrationsszenarien und verkürzt so die Abstimmung im Integrationsprojekt.

In der Praxis setzt eine wachsende Zahl von MES- und ERP-Anbietern die Datenmodelle aus Teil 2, 4, 5 und 6 nicht direkt aus dem Normtext um, sondern über B2MML (Business To Manufacturing Markup Language), eine XML-Spezifikation der MESA International, die diese Objekt- und Nachrichtenmodelle als fertiges Schema bereitstellt. Fragen Sie Integrationsanbieter gezielt danach, ob und für welche Teile B2MML oder ein vergleichbares dokumentiertes Format unterstützt wird, statt sich mit einer proprietären Punkt-zu-Punkt-Schnittstelle zufriedenzugeben.

Checkliste

Zehn Fragen,
die ISA-95 konkret machen.

Diese Fragen lassen sich direkt im ersten Anbietergespräch stellen. Sie prüfen, ob ein MES-Anbieter das ISA-95-Modell tatsächlich in seiner Architektur abbildet oder den Standard nur als Schlagwort im Marketing verwendet.

01

Welche ISA-95-Objekte bildet Ihr System nativ ab?

Lassen Sie sich zeigen, wie Personal, Equipment, Material und Prozesssegment im Datenmodell hinterlegt sind, und welche davon individuell modelliert werden müssten.

02

Welche der vier MOM-Domänen deckt der Standardumfang ab?

Fragen Sie konkret nach Produktion, Qualität, Instandhaltung und Bestand, und wo Zusatzmodule oder Partnerlösungen nötig sind.

03

Wie bilden Sie die Grenze zwischen Level 3 und Level 4 ab?

Fragen Sie nach der konkreten Schnittstelle zu gängigen ERP-Systemen und dem verwendeten Austauschformat, etwa B2MML, REST oder IDoc.

04

Welche Aktivitätskategorien nach Teil 3 sind vollständig umgesetzt?

Fragen Sie gezielt nach Detailplanung, Dispatching, Ausführungsmanagement, Datenerfassung, Tracking und Leistungsanalyse, statt sich mit „das können wir alles" zufriedenzugeben.

05

Wie modellieren Sie Equipment-Hierarchien?

Fragen Sie, wie Werk, Bereich, Arbeitsplatz und Einheit im Sinne von Teil 1 abgebildet werden und ob sich diese Struktur an Ihre reale Fertigung anpassen lässt.

06

Unterstützt das System standardisierte Austauschformate?

Fragen Sie, ob B2MML (Business To Manufacturing Markup Language) oder vergleichbare, dokumentierte Formate unterstützt werden, statt ausschließlich proprietärer Schnittstellen.

07

Wie granular werden Level-2-Daten verarbeitet?

Klären Sie, wie feingranular SCADA- und SPS-Daten übernommen werden und wo die bewusste Trennung zur reinen Steuerungsebene liegt.

08

Welche Referenzprojekte belegen die ISA-95-Nähe des Systems?

Lassen Sie sich Referenzprojekte mit vergleichbarer Fertigungsart nennen, in denen die Zuordnung zu ISA-95-Objekten dokumentiert wurde.

09

Wie geht das System mit Abweichungen vom Standardmodell um?

Fragen Sie, wie Sonderfälle wie Chargenfertigung oder Losgröße 1 behandelt werden, wenn sie nicht sauber in die vier MOM-Domänen passen.

10

Gibt es eine dokumentierte Zuordnung zu den ISA-95-Objektklassen?

Eine schriftliche Mapping-Dokumentation lässt sich direkt als Anlage ins Lastenheft übernehmen und später gegen die tatsächliche Implementierung prüfen.

Häufige Fragen

ISA-95 und IEC 62264,
achtzehn Antworten.

Die häufigsten Fragen, die in MES-Auswahlprojekten zu ISA-95 und IEC 62264 auftauchen, von der Terminologie bis zur praktischen Anwendung im Lastenheft.

Was ist ISA-95 in einfachen Worten?

ISA-95 ist ein internationaler Standard, der beschreibt, wie die Geschäftsebene eines Fertigungsunternehmens, typischerweise das ERP, mit der Fertigungsbetriebsebene, typischerweise das MES, zusammenarbeitet. Er definiert dafür ein Modell aus fünf Hierarchieebenen sowie einheitliche Begriffe und Datenobjekte. Herausgegeben wird er von der International Society of Automation (ISA), einem US-amerikanischen Berufsverband für Automatisierungstechnik. In der Praxis ist ISA-95 die am häufigsten zitierte Referenz, wenn MES-Anbieter oder Berater die Abgrenzung von ERP, MES und Steuerungstechnik erklären.

Was ist der Unterschied zwischen ISA-95 und IEC 62264?

ISA-95 ist die Bezeichnung des US-amerikanischen Normungsverbands ISA, IEC 62264 die Bezeichnung derselben Inhalte bei der International Electrotechnical Commission (IEC), dem internationalen Normungsgremium mit Sitz in Genf. Bis vor Kurzem waren beide Fassungen inhaltlich nahezu deckungsgleich, die IEC übernahm die ISA-Texte weitgehend unverändert. Mit der 2025 veröffentlichten US-Revision von Teil 1 (ANSI/ISA-95.00.01-2025, „IEC 62264-1 Mod") existiert erstmals eine bewusst modifizierte ISA-Fassung. Für die tägliche Praxis werden beide Bezeichnungen weiterhin synonym verwendet.

Sind ISA-95 und IEC 62264 wortgleich?

Historisch ja, weitgehend. Die IEC hat die ISA-95-Teile in der Vergangenheit inhaltlich weitgehend unverändert als IEC 62264 übernommen, mit eigener Nummerierung und eigenem Ausgabejahr. Seit der 2025er-Revision von Teil 1 ist die aktuelle ANSI/ISA-95-Fassung laut ISA ausdrücklich als „Mod", also als modifizierte Version gegenüber IEC 62264-1, gekennzeichnet. Für die meisten praktischen Zwecke, etwa im Lastenheft oder Anbietergespräch, ist diese Nuance zweitrangig, da sich beide Fassungen weiterhin auf dasselbe Ebenen- und Objektmodell stützen.

Welche fünf Hierarchieebenen definiert ISA-95?

ISA-95 unterscheidet Level 0, den physischen Produktionsprozess, Level 1, das Erfassen und Beeinflussen dieses Prozesses über Sensoren und Aktoren, Level 2, die Überwachung und übergeordnete Steuerung etwa durch SCADA-Systeme, Level 3, das Fertigungsbetriebsmanagement, klassisch die Domäne von MES, sowie Level 4, die Geschäftsplanung und Logistik, typischerweise das ERP. Jede Ebene hat einen eigenen Zeithorizont, von Millisekunden auf Level 0 bis Wochen und Monate auf Level 4. Eine ausführliche Tabelle mit allen fünf Ebenen finden Sie weiter oben auf dieser Seite.

Was bedeutet Level 3 konkret?

Level 3, das Manufacturing Operations Management, umfasst nach IEC 62264-3 alle Aktivitäten, die die laufende Fertigung steuern, dokumentieren und auswerten, ohne selbst Geschäftsentscheidungen wie Preise oder Lieferantenauswahl zu treffen. Dazu zählen Feinplanung, Auftragssteuerung, Qualitätsprüfung, Instandhaltungskoordination und Bestandsverfolgung an der Fertigungslinie. MES-Software ist die typische Softwarekategorie, die diese Ebene abdeckt, teils ergänzt durch SCADA-Funktionen für die unmittelbare Prozessüberwachung.

Was ist der Unterschied zwischen Level 2 und Level 3?

Level 2 umfasst die Überwachung und automatisierte Steuerung des physischen Prozesses in Echtzeit, im Sekunden- bis Millisekundenbereich, typischerweise durch SCADA-Systeme, HMI-Oberflächen und speicherprogrammierbare Steuerungen. Level 3 verdichtet diese Rohdaten zu betriebswirtschaftlich nutzbaren Informationen wie OEE-Kennzahlen, Chargenprotokollen oder Feinplänen, mit einem Zeithorizont von Minuten bis Schichten. Vereinfacht gesagt: Level 2 misst und regelt die Maschine, Level 3 steuert und dokumentiert den Fertigungsbetrieb als Ganzes.

Was regelt IEC 62264-3 (ISA-95 Teil 3) genau?

IEC 62264-3 definiert Aktivitätsmodelle für das Manufacturing Operations Management und gliedert sie laut Norm in vier Domänen: Produktionsmanagement, Qualitätsmanagement, Instandhaltungsmanagement und Bestandsmanagement. Innerhalb jeder Domäne beschreibt der Standard ein wiederkehrendes Muster aus acht Aktivitätskategorien, darunter Ressourcenmanagement, Detailplanung, Dispatching, Ausführungsmanagement und Leistungsanalyse. Die erste Ausgabe erschien 2007, eine überarbeitete zweite Ausgabe 2016 (Quelle: webstore.iec.ch, iso.org).

Sind die „elf MES-Funktionen" Teil des ISA-95-Standards?

Nein, nicht direkt. Das oft zitierte Modell mit elf MES-Funktionen stammt von der Branchenvereinigung MESA International und ist kein Bestandteil des Normtexts von IEC 62264-3. Es hat die Entwicklung des Standards historisch beeinflusst und lässt sich inhaltlich weitgehend auf die vier MOM-Domänen und acht Aktivitätskategorien der Norm abbilden. Für ein Lastenheft oder einen Anbietervergleich ist die normative Gliederung nach IEC 62264-3 die belastbarere und eindeutigere Referenz, weil sie Teil eines geprüften Normtexts ist.

Muss ein MES ISA-95-zertifiziert sein?

Nein, es gibt keine Produktzertifizierung „ISA-95-konform" für MES-Software im Sinne eines Prüfsiegels. ISA bietet stattdessen ein Zertifikatsprogramm für Personen an, das Fachwissen zu ISA-95 / IEC 62264 vermittelt und mit einer Prüfung abschließt, richtet sich also an Systemintegratoren und MES-Verantwortliche, nicht an Produkte. Bei der Anbieterauswahl ist deshalb relevanter, wie konkret ein Anbieter sein Datenmodell und seine Funktionsabdeckung auf das ISA-95-Ebenen- und Funktionsmodell zurückführen kann.

Wie hilft mir ISA-95 konkret bei der MES-Auswahl?

ISA-95 liefert eine herstellerneutrale Sprache für das Lastenheft, ein Objektmodell als Prüfraster für Anbieterdemos und vier MOM-Domänen, gegen die sich der Funktionsumfang unterschiedlicher Anbieter vergleichbar abklopfen lässt. Statt vager Anforderungen wie „digitale Fertigungssteuerung" lassen sich konkrete Fragen zu Level-3-Funktionen, Objektabbildung und Domänenabdeckung stellen. Die Checkliste weiter oben auf dieser Seite übersetzt diesen Ansatz in zehn konkrete Fragen für das Anbietergespräch.

Was ist der Unterschied zwischen ISA-95 und MOM?

MOM, Manufacturing Operations Management, ist der in IEC 62264-3 verwendete Fachbegriff für die Aktivitäten auf Level 3, während ISA-95 die gesamte Standardreihe bezeichnet, die dieses und weitere Modelle umfasst. MOM ist also kein eigenständiges Produkt oder eine eigene Softwarekategorie, sondern ein normativer Ordnungsbegriff innerhalb von ISA-95, der neben klassischen MES-Funktionen auch Qualitäts-, Instandhaltungs- und Bestandsmanagement auf Betriebsebene einschließt. Eine ausführliche Einordnung von MOM als Begriff finden Sie unter MES, ERP, SCADA und MOM.

Wie hängt ISA-95 mit OPC UA zusammen?

OPC UA, genormt als IEC 62541 und entwickelt von der OPC Foundation, ist ein Kommunikationsstandard für den technischen Datenaustausch zwischen Maschinen, Steuerungen und übergeordneten Systemen, vor allem auf Level 2 und Level 3. ISA-95 beschreibt dagegen das fachliche Modell, welche Informationen zwischen den Ebenen ausgetauscht werden sollen, unabhängig vom technischen Übertragungsweg. In der Praxis ergänzen sich beide Standards: ISA-95 definiert das Was, OPC UA häufig das Wie der technischen Anbindung. Details unter OPC UA für MES.

Wie hängt ISA-95 mit ISO 22400 zusammen?

ISO 22400 definiert Kennzahlen für das Fertigungsmanagement, darunter die genaue Berechnung der Gesamtanlageneffektivität (OEE). Diese Kennzahlen entstehen auf derselben Fertigungsbetriebsebene, Level 3, die ISA-95 als Manufacturing Operations Management beschreibt. Während ISA-95 also das Funktions- und Objektmodell der Ebene liefert, liefert ISO 22400 die dazugehörige Kennzahlenlogik. Beide Normen werden in MES-Projekten häufig gemeinsam referenziert. Details unter OEE berechnen nach ISO 22400.

Seit wann gibt es ISA-95, und wie oft wird der Standard aktualisiert?

Die Entwicklung von ISA-95 begann laut ISA Mitte der 1990er-Jahre. Die einzelnen Teile werden seither in unregelmäßigen Abständen revidiert, Teil 1 erschien ursprünglich als IEC 62264-1:2003, wurde 2013 überarbeitet und 2025 in einer eigenständigen ANSI/ISA-95-Fassung erneut aktualisiert. Teil 3 erschien 2007 und wurde 2016 überarbeitet. Es gibt keinen festen Revisionszyklus, Änderungen orientieren sich an technologischen Entwicklungen wie der zunehmenden IT/OT-Konvergenz und modularen Fertigungsarchitekturen.

Ist ISA-95 nur für Großkonzerne relevant, oder auch für den Mittelstand?

Das Modell selbst ist unternehmensgrößenneutral formuliert und eignet sich grundsätzlich für jede Fertigung, die zwischen Geschäftsplanung und Fertigungssteuerung unterscheidet, unabhängig von der Mitarbeiterzahl. In der Praxis lohnt sich der explizite Rückgriff auf ISA-95-Begriffe im Lastenheft besonders dann, wenn mehrere Systeme integriert werden müssen oder ein strukturierter Anbietervergleich ansteht, was auch für mittelständische Fertigungsbetriebe zunehmend zutrifft. Eine Einordnung speziell für den Mittelstand finden Sie unter MES für den Mittelstand.

Wo finde ich den offiziellen ISA-95- beziehungsweise IEC-62264-Normtext?

Die ISA-95-Teile sind kostenpflichtig über die International Society of Automation unter isa.org zu beziehen, die IEC-62264-Teile entsprechend über den IEC Webstore unter webstore.iec.ch sowie, für einige Teile, über die International Organization for Standardization (ISO) unter iso.org, da IEC und ISO ihre Publikationen teils gemeinsam vertreiben. Kostenlos verfügbar sind in der Regel nur Titel, Abstract und Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe, der vollständige Normtext ist lizenzpflichtig.

Was regelt Teil 2 von ISA-95 beziehungsweise IEC 62264-2?

Teil 2 definiert im Detail die Attribute der in Teil 1 eingeführten Objektklassen wie Personal, Equipment, Material und Prozesssegment, speziell für den Datenaustausch zwischen Level 3 und Level 4, also zwischen MES und ERP. Während Teil 1 die Objekte benennt und grob beschreibt, legt Teil 2 fest, welche konkreten Datenfelder zu jedem Objekt gehören. Relevant wird dieser Teil vor allem, wenn ERP und MES automatisiert Stamm- und Auftragsdaten austauschen sollen, statt Daten manuell zu pflegen.

Was ist B2MML, und wie hängt es mit ISA-95 zusammen?

B2MML, Business To Manufacturing Markup Language, ist eine XML-Spezifikation der MESA International (Manufacturing Enterprise Solutions Association, eine internationale Branchenvereinigung für Fertigungssoftware), die die Objekt- und Nachrichtenmodelle aus den ISA-95-Teilen 2, 4, 5 und 6 als fertiges, technisch nutzbares Schema bereitstellt. B2MML selbst ist nicht Teil des offiziellen Normtexts, sondern eine verbreitete Referenzimplementierung, auf die sich viele MES- und ERP-Anbieter bei der technischen Integration stützen. Im Anbietergespräch lohnt sich die konkrete Frage, ob und für welche Teile B2MML oder ein vergleichbares dokumentiertes Format unterstützt wird.

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