Usability im MES: Warum Bedienbarkeit über Akzeptanz entscheidet
Manufacturing Execution Systeme (MES) entscheiden in Fertigungsunternehmen im DACH-Raum zunehmend an der Werkerstation über Erfolg oder Ablehnung eines Projekts: Wenn die Bedienoberfläche zu viele Klicks für eine Routinebuchung verlangt, sinkt die Akzeptanz noch vor dem ersten produktiven Monat. Sectorlens beobachtet in eigenen Auswahlprojekten seit 2022, dass Usability neben Funktionsumfang und Preis zu den am häufigsten unterschätzten Auswahlkriterien zählt. Wie Sie Auswahlkriterien insgesamt strukturiert gewichten, beschreibt MES auswählen: Vorgehen, Kriterien und typische Fehler.
Bedienbarkeit ist kein Komfortthema
sie entscheidet über die Datenbasis des MES
Ein Manufacturing Execution System lebt von der Genauigkeit seiner Ist-Daten aus der Fertigung. Wie diese Daten über Maschinen- und Betriebsdatenerfassung (MDE und BDE) ins System gelangen, ist Teil des Funktionsumfangs, den MES-Funktionen und Module im Überblick beschreibt. Doch die beste Datenerfassungsfunktion nützt wenig, wenn die Bedienoberfläche an der Werkerstation so umständlich ist, dass Werker sie im Arbeitsalltag umgehen. Einen Überblick über alle Themenfelder rund um MES liefert MES-Wissen: Alle Themenfelder.
Sammelbuchung statt Echtzeitbuchung
Wenn eine einzelne Buchung an der Werkerstation mehrere Klicks über verschachtelte Menüs verlangt, verschieben Werker die Erfassung auf das Schichtende und buchen mehrere Vorgänge gesammelt und aus dem Gedächtnis nach.
- Verzögerte statt Echtzeit-Kennzahlen
- Rückwirkend geschätzte Zeiten und Mengen
- OEE nach ISO 22400 verliert an Aussagekraft
Standardwert statt echtem Ausschussgrund
Ist die Auswahl des korrekten Störungs- oder Ausschussgrundes mehrere Ebenen tief in der Oberfläche vergraben, wählen Werker unter Zeitdruck den erstbesten oder immer denselben Grund, statt den tatsächlichen Grund zu suchen.
- Pareto-Auswertungen zu Ausschussursachen werden wertlos
- Qualitätsmanagement verliert die Ursachenspur
- Investitionsentscheidungen stützen sich auf falsche Daten
Schatten-Excel neben dem MES
Frustrierte Meister und Schichtleiter führen parallel zum MES eine eigene Excel-Tabelle, weil sie sich auf die Systemoberfläche nicht verlassen wollen oder die für ihre Rolle nötige Auswertung darin nicht schnell genug findet.
- Zwei Datenwahrheiten im selben Werk
- Investition ins MES wird faktisch nicht genutzt
- Akzeptanzproblem verstärkt sich mit jeder Schicht
Touch am Shopfloor
und die passende Ansicht für jede Rolle
Touch-Bedienung hat sich an vielen Werkerstationen durchgesetzt, weil sie ohne Tastatur und Maus funktioniert und damit robuster gegenüber Handschuhen, Spänen und Feuchtigkeit ist als klassische Eingabegeräte. Entscheidend ist dabei, ob die Oberfläche von Grund auf für Touch entworfen wurde, mit ausreichend großen Schaltflächen und wenigen Menüebenen, oder ob sie lediglich auf einem Touch-Bildschirm läuft, ohne für Touch gestaltet zu sein. Ergänzend braucht jede Rolle im Werk eine eigene, auf sie zugeschnittene Sicht auf das System statt einer einheitlichen Vollansicht für alle.
Werker an der Maschine
Sieht den aktuellen Auftrag, wenige Buchungsschaltflächen für Start, Ende und Unterbrechung sowie eine Störmeldefunktion. Alles andere ist bewusst ausgeblendet, um die kognitive Last in der laufenden Fertigung niedrig zu halten.
- Große Touch-Flächen, wenige Ebenen
- Standardbuchung in wenigen Sekunden
- Fehlermeldungen klar und handlungsleitend
Schichtleitung und Meister
Sieht Belegungspläne, Eskalationslisten und Kennzahlen über mehrere Arbeitsplätze hinweg, meist am Tablet oder stationären Bildschirm im Leitstand statt direkt an der Maschine.
- Übersicht über mehrere Stationen gleichzeitig
- Drill-down von der Kennzahl zur Einzelbuchung
- Alarmierung bei Grenzwert- oder Terminabweichung
Qualitätsfachkraft
Sieht Prüfpläne, Grenzwertverletzungen und den Audit-Trail zu einzelnen Chargen oder Losen, mit direktem Zugriff auf Regelkarten und statistische Prozesskontrolle statt auf Fertigungssteuerung.
- Fokus auf Prüfmerkmale statt Auftragssteuerung
- Zugriff auf SPC und Audit-Trail
- Eigene Eskalationswege bei Grenzwertverletzung
Praxishinweis. Rollenbasierte Oberflächen werden meist über Rollen- und Rechtekonzepte mit konfigurierbaren Ansichten umgesetzt, teils über Low-Code- oder No-Code-Werkzeuge. Fragen Sie im Anbietergespräch, wie viele vorkonfigurierte Rollenansichten mitgeliefert werden und was eine zusätzliche kundenspezifische Rolle kostet. Einordnung. Der Usability-Hebel ist nicht überall gleich groß: In hochautomatisierten Linien mit wenigen manuellen Eingriffen wirkt sich eine umständliche Oberfläche deutlich schwächer aus als in personalintensiven Bereichen mit vielen Buchungen pro Schicht. Prüfen Sie deshalb, wie viele Werkerinteraktionen pro Schicht an Ihrer konkreten Anlage tatsächlich anfallen, bevor Sie Usability als K.-o.-Kriterium gewichten.
Mehrsprachige Oberflächen
mehr als nur übersetzte Menüpunkte
Fertigungsunternehmen mit Werken in mehreren Ländern brauchen eine MES-Oberfläche, die pro Nutzer und nicht nur pro Installation die Sprache umschalten kann, weil Werker, Springer und Leiharbeitskräfte an derselben Anlage unterschiedliche Muttersprachen haben können. Eine Oberfläche, die nur Menüpunkte übersetzt, aber Fehlermeldungen weiter auf Deutsch oder Englisch ausgibt, erzeugt an einem internationalen Standort dieselben Akzeptanzprobleme wie eine komplett unübersetzte Oberfläche.
| Anforderung | Teilweise erfüllt | Vollständig erfüllt |
|---|---|---|
| Menütexte und Beschriftungen | Übersetzt, aber nicht durchgängig konsistent | Vollständig übersetzt und terminologisch konsistent |
| Fehler- und Statusmeldungen | Bleiben teils in der Systemsprache des Herstellers | In allen freigeschalteten Sprachen verfügbar |
| Datums-, Zahlen- und Einheitenformat | Feste Formatierung unabhängig vom Nutzerland | Passt sich Land und Sprache automatisch an |
| Layout bei langen Wörtern | Abgeschnittene Beschriftungen bei Sprachen mit langen Komposita | Responsive Beschriftung ohne Textabschnitt |
| Pflege neuer Sprachen | Nur durch den Hersteller gegen Zusatzaufwand | Anwenderunternehmen kann Übersetzungen selbst pflegen |
| Schulungsunterlagen | Nur in der Ausgangssprache des Projekts | Für jeden Standort in Landessprache verfügbar |
Praxishinweis. Klären Sie im Erstgespräch konkret, wie viele Sprachen im Standardlieferumfang enthalten sind und wie eine zusätzliche Sprache, etwa Polnisch oder Rumänisch für osteuropäische Werke, gepflegt und aktuell gehalten wird. Das ist besonders relevant bei Rollout-Plänen über mehrere Landesgesellschaften, wie sie unter MES einführen: Phasen, Rollen und Erfolgsfaktoren beschrieben sind.
Schulungsaufwand ist keine Randnotiz
er ist eine eigene Kostenposition
Schulungsaufwand skaliert nicht mit der Zahl der Mitarbeitenden, sondern mit der Zahl der Schichten, weil derselbe Trainingstermin für Früh-, Spät- und Nachtschicht wiederholt werden muss. Eine umständliche Bedienoberfläche erhöht diesen Aufwand zusätzlich, weil sie mehr Nachschulung und mehr Supportanfragen in den ersten Monaten nach dem Go-Live erzeugt.
Schulung und Change
Erfahrungswerte aus Sectorlens-Auswahlprojekten seit 2022, keine Listenpreise. Die Spanne hängt stark davon ab, wie viele Schichten geschult werden müssen und wie intuitiv die Oberfläche ohne Vorwissen bedienbar ist.
4.000–25.000 € je WerkSchichten statt Köpfe
Wer im Dreischichtbetrieb schult, braucht denselben Termin dreimal, unabhängig davon, ob zehn oder hundert Werker in der jeweiligen Schicht betroffen sind. Eine komplexe Oberfläche verlängert dabei jeden einzelnen Termin.
3 Schichten = 3 TermineAnlaufkurve nach Go-Live
Werker greifen bei schwer bedienbaren Systemen Monate nach dem Rollout weiter auf Kollegen oder Zettel zurück. Diese Folgekosten tauchen in keinem Angebot als eigene Position auf und werden in der Budgetplanung häufig übersehen.
Keine Position im AngebotPraxishinweis. Fragen Sie den Anbieter ausdrücklich nach durchschnittlichen Einarbeitungszeiten realer Werker-Referenzen statt nach einer pauschalen Schulungsdauer. Die vollständige Kostensystematik einer MES-Einführung mit Lizenz-, Wartungs- und Schulungskosten steht unter MES-Kosten, Spannen und TCO.
Wie reale MES-Systeme
Bedienbarkeit heute umsetzen
Abstrakte Aussagen zur Usability helfen wenig ohne Bezug zu echten Systemen. Die folgenden drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Hersteller das Thema Bedienoberfläche adressieren, neutral beschrieben und ohne Rangfolge. Ausführliche Fit-Analysen zu allen drei Anbietern stehen in den jeweiligen Profilen.
MPDV HYDRA X
MPDV Mikrolab GmbH (MES-Hersteller aus Mosbach, 530 Mitarbeitende, über 45 Jahre Projekterfahrung) baut HYDRA X laut Hersteller aus einzeln kombinierbaren mApps mit Web-Client-Technologie auf. Die Vorgängergeneration HYDRA wurde dagegen als geschlosseneres Modulpaket ausgeliefert.
- Web-Client statt klassischem Fat-Client
- Schrittweiser Ausbau über einzelne mApps
- Quelle: mpdv.com, Herstellerangabe, Stand 2026
PROXIA TPM.web
PROXIA Software AG (MES-Hersteller mit Sitz in Ebersberg bei München, 2011 aus der COSCOM MES-Division hervorgegangen) beschreibt für das Instandhaltungsmodul TPM.web eine grafische Oberfläche mit Gantt-Ansicht sowie eine mobile, plattformunabhängige Erfassung der Tätigkeiten direkt vor Ort.
- Terminierung visuell über Gantt-Ansicht
- Mobile Erfassung unabhängig von der Plattform
- Quelle: proxia.com/wartung-instandhaltung, Stand 2026
AVEVA Manufacturing Execution System
AVEVA Group Limited (britischer Industriesoftware-Konzern mit Sitz in Cambridge, seit 2023 Teil der Schneider Electric Gruppe) beschreibt eine Low-Code- beziehungsweise No-Code-Konfiguration einzelner Nutzerrollen sowie komponierbare, modulare Funktionsbausteine.
- Rollenkonfiguration ohne Programmierung
- Kritische Funktionen laufen lokal am Edge im Werk
- Quelle: aveva.com, Herstellerangabe, Stand 2026
Zur Einordnung. Die genannten Bedienkonzepte beruhen auf öffentlich zugänglichen Herstellerangaben, Stand August 2026. Sectorlens erhält keine Provision von MES-Anbietern. Ob ein Bedienkonzept zu Ihrer Werkerstation passt, lässt sich nur im Demo-Termin mit echten Nutzern prüfen, siehe Checkliste weiter unten auf dieser Seite.
Zwölf Testfragen für den Demo-Termin
die ein Produktionsleiter am Montag stellen kann
Diese Checkliste ersetzt keine vollständige Anforderungsanalyse, deckt aber die Punkte ab, die in der Praxis erst nach der Unterschrift auffallen. Nehmen Sie sie wörtlich in den Demo-Termin mit und lassen Sie sich jede Antwort live am System zeigen, nicht nur mündlich zusichern.
Lassen Sie eine reale Werkerbuchung live durchführen
Auftrag quittieren, Ausschussgrund erfassen, nächsten Schritt starten. Stoppen Sie Klicks und Zeit statt sich eine Folienpräsentation zeigen zu lassen.
Wie viele Klicks braucht eine Standardbuchung?
Eine gute Antwort nennt eine konkrete Zahl und zeigt sie live. Ausweichende Antworten deuten auf eine in der Praxis umständlichere Bedienung hin, als die Präsentation suggeriert.
Ist die Oberfläche für Touch entwickelt oder nur Touch-fähig?
Lassen Sie sich den Unterschied konkret erklären und die Bedienung mit Arbeitshandschuhen auf einem Industrie-Panel statt am Büro-Notebook zeigen.
Wie viele vorkonfigurierte Rollenansichten sind im Standard enthalten?
Eine gute Antwort nennt konkrete Rollen wie Werker, Schichtleitung und Qualität und zeigt jede Ansicht einzeln.
Was kostet eine zusätzliche kundenspezifische Rollenansicht?
Klären Sie, ob das über Konfiguration innerhalb der Wartung oder als separat berechnete Individualentwicklung läuft.
Wie viele Sprachen sind im Standardlieferumfang enthalten?
Fragen Sie konkret nach der für Ihre internationalen Werke benötigten Sprache und danach, wer sie pflegt.
Werden auch Fehlermeldungen vollständig übersetzt?
Lassen Sie sich eine Fehlermeldung in der Zielsprache zeigen, nicht nur die übersetzten Menüpunkte.
Können wir mit zwei bis drei eigenen Werkern testen?
Das Urteil von IT- oder Projektverantwortlichen über Usability ist wenig belastbar. Bestehen Sie auf einen Test mit echten Nutzern vor der Unterschrift.
Wie lange dauert die Einarbeitung bei realen Referenzkunden?
Fragen Sie nach einer durchschnittlichen Einarbeitungszeit aus echten Projekten statt nach einer pauschalen Schulungsdauer aus dem Vertrieb.
Welche Anpassungen sind Konfiguration, welche Individualentwicklung?
Diese Unterscheidung entscheidet, ob eine Usability-Verbesserung nach dem Go-Live schnell oder langwierig umsetzbar ist.
Gibt es ein Feedback-Verfahren von Werkern zum Hersteller?
Eine gute Antwort beschreibt einen konkreten Prozess, über den Bedienprobleme aus der Praxis in künftige Releases einfließen.
Nennen Sie zwei Referenzen mit vergleichbarer Werkerstruktur
Bitten Sie um ein Telefonat ohne Vertrieb, um Fragen zur tatsächlichen Akzeptanz im Tagesbetrieb direkt zu stellen.
Usability im MES
zwölf Fragen, zwölf klare Antworten
Die Antworten beruhen auf öffentlich zugänglichen Herstellerangaben und Normen sowie auf Sectorlens-Erfahrung aus eigenen MES-Auswahlprojekten seit 2022. Wo eine Aussage auf eigener Projekterfahrung beruht, ist sie ausdrücklich gekennzeichnet.
Usability beim Manufacturing Execution System (MES) beschreibt, wie schnell und fehlerfrei ein Werker, ein Meister oder eine Qualitätsfachkraft an der Werkerstation Aufträge quittieren, Störungen melden oder Prüfwerte erfassen kann. Ausschlaggebend sind Reaktionszeit der Oberfläche, Anzahl der Klicks bis zur nächsten Buchung, Lesbarkeit in Hallenumgebung und die Frage, ob die Oberfläche zur Rolle des jeweiligen Nutzers passt. Ein MES kann funktional vollständig sein und trotzdem an der Werkerstation scheitern, wenn die Bedienung zu viele Schritte für eine Routinebuchung verlangt. Die internationale Norm für Software-Ergonomie, DIN EN ISO 9241-110 in der Fassung 2020, fasst Usability als Eignung eines Systems zusammen, ein Ziel effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen. Für ein MES-Projekt bedeutet das: Usability ist keine Designfrage, sondern eine Anforderung, die im Lastenheft ebenso konkret stehen muss wie eine Schnittstelle.
Wenn eine Buchung an der Werkerstation mehr als wenige Sekunden oder mehr als drei bis vier Klicks braucht, weichen Werker in der Praxis auf Sammelbuchungen am Schichtende oder auf pauschale Standardwerte aus, weil der Arbeitsdruck keine Zeit für eine umständliche Eingabe lässt. Die Folge sind verzögerte, ungenaue oder falsche Rückmeldungen zu Losgröße, Ausschuss oder Stillstandsgrund, die sich direkt auf die Berechnung der Gesamtanlageneffektivität nach ISO 22400 auswirken. Ein MES lebt von der Genauigkeit seiner Ist-Daten, deshalb ist Usability an der Werkerstation kein Komfortthema, sondern eine Voraussetzung für belastbare Kennzahlen. Wie sich OEE korrekt berechnen lässt, beschreibt der Artikel OEE berechnen nach ISO 22400. Sectorlens beobachtet in eigenen Auswahlprojekten seit 2022 wiederkehrend, dass Werke mit umständlicher Bedienoberfläche eine spürbar höhere Quote an nachträglich korrigierten Buchungen aufweisen als Werke mit klar geführten Eingabeschritten.
Eine rollenbasierte Oberfläche zeigt jedem Nutzer nur die Funktionen, Kennzahlen und Eingabemasken, die für seine Aufgabe relevant sind, statt eine einheitliche Vollansicht für alle Beteiligten bereitzustellen. Ein Werker sieht typischerweise den aktuellen Auftrag und wenige Buchungsschaltflächen, ein Schichtleiter Belegungspläne und Eskalationslisten über mehrere Arbeitsplätze, eine Qualitätsfachkraft Prüfpläne und Grenzwertverletzungen. Diese Trennung reduziert die kognitive Last an der Werkerstation und senkt das Risiko von Fehlbedienungen, weil nicht relevante Funktionen gar nicht erst sichtbar sind. Technisch wird das meist über Rollen- und Rechtekonzepte mit konfigurierbaren Ansichten gelöst, teils über Low-Code- oder No-Code-Werkzeuge ohne Programmieraufwand. Fragen Sie im Anbietergespräch konkret, wie viele vorkonfigurierte Rollenansichten mitgeliefert werden und was eine zusätzliche kundenspezifische Rolle kostet.
Touch-Bedienung hat sich an vielen Werkerstationen als Standard etabliert, weil sie ohne Tastatur und Maus auskommt und damit robuster gegenüber Handschuhen, Spänen oder Feuchtigkeit ist als klassische Eingabegeräte. Entscheidend ist, ob die Oberfläche für Touch-Bedienung gestaltet wurde, mit ausreichend großen Schaltflächen und wenigen Menüebenen, oder ob sie nachträglich nur auf einem Touch-Bildschirm läuft. Eine für Maus und Tastatur entworfene Oberfläche erfüllt diese Anforderung in der Praxis häufig nicht, selbst wenn der Hersteller Touch-Kompatibilität angibt. Fragen Sie deshalb konkret, ob die Werker-Oberfläche für Touch entwickelt wurde oder lediglich Touch-fähig ist, und lassen Sie sich das an einem Industrie-Panel statt am Büro-Notebook zeigen. Für den Aufbau der Maschinen- und Betriebsdatenerfassung insgesamt siehe MDE und BDE im MES.
Schulungsaufwand skaliert nicht mit der Zahl der Mitarbeitenden, sondern mit der Zahl der Schichten, weil derselbe Trainingstermin für Früh-, Spät- und Nachtschicht wiederholt werden muss. Nach Sectorlens-Erfahrung aus eigenen Auswahlprojekten seit 2022 liegt der Aufwand für Schulung und Change-Begleitung bei einer MES-Einführung im mittleren Werk typischerweise zwischen 4.000 und 25.000 Euro, wobei eine unübersichtliche Bedienoberfläche diesen Aufwand über wiederholte Nachschulungen und höhere Supportlast spürbar erhöht. Zusätzlich verursachen schwer bedienbare Systeme eine anhaltende Anlaufkurve, weil Werker Monate nach dem Rollout weiter auf Kollegen oder Zettel zurückgreifen statt die Oberfläche selbständig zu bedienen. Diese Folgekosten tauchen in keinem Angebot als eigene Position auf und werden in der Budgetplanung häufig übersehen. Fragen Sie den Anbieter deshalb ausdrücklich nach durchschnittlichen Einarbeitungszeiten realer Werker-Referenzen statt nach einer pauschalen Schulungsdauer.
Fertigungsunternehmen mit Werken in mehreren Ländern benötigen eine MES-Oberfläche, die pro Nutzer und nicht nur pro Installation die Sprache umschalten kann, weil Werker, Springer und Leiharbeitskräfte an derselben Anlage unterschiedliche Muttersprachen haben können. Wichtig ist mehr als reine Textübersetzung: Datums-, Zahlen- und Einheitenformate, Lesbarkeit bei Sprachen mit langen Wörtern und die Verfügbarkeit von Statusmeldungen und Fehlertexten in allen benötigten Sprachen gehören zu vollständiger Mehrsprachigkeit. Eine Oberfläche, die nur Menüpunkte übersetzt, aber Fehlermeldungen weiter auf Deutsch oder Englisch ausgibt, erzeugt an einem internationalen Standort dieselben Akzeptanzprobleme wie eine komplett unübersetzte Oberfläche. Klären Sie im Erstgespräch, wie viele Sprachen im Standard enthalten sind und wie eine zusätzliche Sprache gepflegt wird. Das ist besonders relevant bei Rollout-Plänen über mehrere Landesgesellschaften, wie sie unter MES einführen: Phasen, Rollen und Erfolgsfaktoren beschrieben sind.
Der zuverlässigste Test ist ein Zeitmessungsvergleich im Demo-Termin: Lassen Sie eine reale Werkerbuchung von einer Person ohne Vorkenntnisse durchführen und stoppen Sie Klicks und Zeit bis zum Abschluss. Ein zweiter Test ist die Fehlerprobe: Lassen Sie den Testnutzer bewusst eine falsche Eingabe machen und beobachten Sie, wie verständlich die Fehlermeldung ist und wie leicht sich der Fehler korrigieren lässt. Ergänzend lohnt ein Test unter realistischen Bedingungen, etwa mit Arbeitshandschuhen oder auf einem Industrie-Panel statt auf einem Büro-Notebook, weil viele Oberflächen im ruhigen Vorführraum besser wirken als später in der Halle. Ziehen Sie wenn möglich echte Werker aus Ihrem Betrieb in diesen Test hinein statt ausschließlich IT- oder Projektverantwortliche, weil deren Urteil über die tägliche Bedienbarkeit am belastbarsten ist. Die vollständige Checkliste für den Anbietertermin steht im Praxisabschnitt weiter oben auf dieser Seite.
Low-Code- und No-Code-Werkzeuge erlauben es Anwenderunternehmen oder Implementierungspartnern, Bedienoberflächen, Rollenansichten und Eingabemasken über visuelle Konfiguration statt über Programmierung anzupassen. Für die Usability bedeutet das einen praktischen Vorteil: Stellt sich nach dem Rollout heraus, dass eine Werkerstation zu viele Klicks für eine Routinebuchung benötigt, lässt sich die Ansicht ohne neuen Softwareentwicklungsauftrag anpassen. Der Vorteil hat eine Kehrseite, denn jede Anpassung außerhalb des Standards kann bei einem späteren Versions-Update erneut geprüft werden müssen, damit sie kompatibel bleibt. Fragen Sie deshalb, welche Anpassungen als Konfiguration innerhalb der Wartung abgedeckt sind und welche als Individualentwicklung gesondert berechnet werden. Diese Unterscheidung entscheidet mit darüber, ob eine Usability-Verbesserung nach dem Go-Live schnell und günstig oder langwierig und teuer umsetzbar ist.
Ein Web-Client läuft im Browser oder in einer browserbasierten Anwendung und lässt sich ohne lokale Installation auf neuen Arbeitsplätzen, Tablets oder Industrie-Panels bereitstellen, während ein klassischer Fat-Client eine lokal installierte Anwendung mit eigenem Update- und Rechteverwaltungsaufwand je Arbeitsplatz ist. Für die Usability ist der Web-Client häufig im Vorteil, weil moderne Web-Oberflächen typischerweise für responsives Verhalten auf unterschiedlichen Bildschirmgrößen und für Touch-Bedienung ausgelegt sind, während viele Fat-Client-Oberflächen aus älteren Produktgenerationen primär für Maus und Tastatur entworfen wurden. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Web-Client besser bedienbar ist als jeder Fat-Client, denn die tatsächliche Usability hängt vom konkreten Interface-Design ab, nicht allein von der Technologie. Fragen Sie deshalb konkret nach dem Alter der jeweiligen Oberflächen-Generation und lassen Sie sich zeigen, ob es sich um eine für Touch und Rollen neu entwickelte Oberfläche oder um eine ältere, lediglich im Browser gekapselte Anwendung handelt. Einen Überblick zu Architekturfragen bei MES gibt der Artikel MES-Funktionen und Module.
Mehrere am deutschen Markt aktive Anbieter beschreiben öffentlich eigene Bedienkonzepte für die Werkerstation. MPDV Mikrolab GmbH, MES-Hersteller aus Mosbach mit 530 Mitarbeitenden und über 45 Jahren Projekterfahrung, baut HYDRA X laut Hersteller aus einzeln kombinierbaren mApps mit Web-Client-Technologie auf, wodurch sich Bedienoberflächen modular und rollenspezifisch erweitern lassen. PROXIA Software AG, MES-Hersteller mit Sitz in Ebersberg bei München und 2011 aus der COSCOM MES-Division hervorgegangen, beschreibt für das Instandhaltungsmodul TPM.web eine grafische Oberfläche mit Gantt-Ansicht und eine mobile, plattformunabhängige Erfassung der Tätigkeiten direkt vor Ort. AVEVA Group Limited, britischer Industriesoftware-Konzern mit Sitz in Cambridge und seit 2023 Teil der Schneider Electric Gruppe, wirbt für sein Manufacturing Execution System mit einer Low-Code- beziehungsweise No-Code-Konfiguration einzelner Nutzerrollen. Ausführliche Einordnungen zu allen drei Anbietern liefert der Anbieterbeispiele-Abschnitt weiter oben auf dieser Seite.
Eine schwer bedienbare Oberfläche liefert dem Betriebsrat in Mitbestimmungsverfahren ein zusätzliches, sachliches Argument gegen die Einführung, weil sie sich unmittelbar auf die Arbeitsbelastung der Beschäftigten auswirkt und häufig mit dem Vorwurf verknüpft wird, das System diene primär der Leistungskontrolle statt der Arbeitserleichterung. Umgekehrt erleichtert eine nachweislich einfache, rollengerechte Bedienung die Zustimmung erheblich, weil sich der Mehrwert für die Werker direkt zeigen lässt, etwa durch weniger Klicks und weniger Zeitaufwand für Standardbuchungen. Sectorlens empfiehlt aus eigener Projekterfahrung, Betriebsratsvertreter frühzeitig in Usability-Tests einzubinden, statt sie erst mit dem fertigen Pflichtenheft zu konfrontieren. Wie eine Betriebsvereinbarung zu einem MES üblicherweise aufgebaut ist, beschreibt der Artikel Betriebsrat und MES-Einführung. Diese frühe Einbindung reduziert das Risiko einer Verzögerung des gesamten Projekts durch ein spätes Veto erheblich.
Usability-Anforderungen sollten nicht allein von der IT-Abteilung formuliert werden, weil IT-Verantwortliche das System selten selbst an der Werkerstation bedienen und andere Prioritäten setzen als die tatsächlichen Nutzer. Sinnvoll ist ein kleines Team aus Produktionsleitung, Schichtführung, mindestens zwei bis drei Werkern aus unterschiedlichen Schichten und, sofern vorhanden, dem Betriebsrat, das die täglichen Arbeitsschritte an der Werkerstation kennt und im Lastenheft als Anforderung formuliert. Dieses Team sollte auch im Demo-Termin anwesend sein und die Oberfläche selbst testen, statt sich auf die Einschätzung des Projektleiters zu verlassen. Wie ein solches Lastenheft strukturiert aufgebaut wird, beschreibt der Artikel MES-Lastenheft erstellen. Je konkreter Usability-Anforderungen im Lastenheft formuliert sind, etwa eine maximale Klickzahl für eine Standardbuchung, desto belastbarer lässt sich später im Angebotsvergleich prüfen, ob ein Anbieter diese Anforderung tatsächlich erfüllt.
Sie kennen jetzt die Usability-Fallstricke.
Unsicher, wie Sie das im Anbietervergleich objektiv prüfen?
Ein Wissensartikel erklärt, worauf es bei der Bedienbarkeit ankommt. Er ersetzt nicht den Praxistest mit Ihren eigenen Werkern und Ihrer eigenen Fertigungsart. Genau diese Lücke schließen wir, herstellerneutral und ohne Provision von einem MES-Anbieter.
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URL eingeben, KI analysiert die Fertigung anhand öffentlicher Daten und gleicht sie gegen 64 Kriterien mit dem Anbietermarkt ab, einschließlich Hinweisen zu Rollout-Größe und Internationalität.
- Match-Score je Anbieter
- Einordnung nach Fertigungsart und Größe
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Usability als Kriterium im Lastenheft verankern
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- Anforderungs-Workshop mit Produktion, IT und Qualität
- Usability-Testfragen als fester Bestandteil des Demo-Leitfadens
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Zweitmeinung zur Usability Ihrer Shortlist
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