ESPR und Fertigungsdaten

Digitaler Produktpass im MES: Datenbasis und Umsetzung

Der Digitale Produktpass (DPP) wird für immer mehr Produktgruppen zur Pflicht, Rechtsgrundlage ist die EU-Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1781, in Kraft seit dem 18. Juli 2024. Für Fertigungsunternehmen im DACH-Raum ist das Manufacturing Execution System (MES) die zentrale Quelle für die darin geforderten Fertigungsdaten: Materialherkunft, Energieverbrauch je Fertigungsschritt, Chargen-Traceability und Lieferkettendaten. Diese Seite ordnet ein, welche Daten ein MES 2026 bereits liefern kann, welche Lücken typisch sind und wie die technische Brücke zum eigentlichen DPP-Register aussieht.

18.07.2024
Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1781 in Kraft, Rahmen für den DPP in Kapitel III
08.01.2026
Neue Bauprodukteverordnung (EU) 2024/3110 anwendbar, Art. 76 führt DPP für Bauprodukte ein
18.02.2027
Batteriepass-Pflicht nach Verordnung (EU) 2023/1542, Art. 77, für Industriebatterien über 2 kWh
4
Datenkategorien, die ein MES für einen DPP liefern kann (Sectorlens-Einordnung, Stand 2026)
ESPR / Verordnung (EU) 2024/1781 Batteriepass 2027 Chargen-Traceability Energiedaten je Fertigungsschritt DACH-Fokus
Rechtsrahmen und Rolle des MES

Der Digitale Produktpass entsteht nicht ohne Fertigungsdaten

Die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, Verordnung (EU) 2024/1781, auch als ESPR bezeichnet, schafft seit dem 18. Juli 2024 den rechtlichen Rahmen für den Digitalen Produktpass. Kapitel III der Verordnung definiert den DPP als strukturierten, digital abrufbaren Datensatz zu einem Produkt. Was konkret hineingehört, legt aber nicht die Rahmenverordnung selbst fest, sondern ein delegierter Rechtsakt je Produktgruppe, der unter anderem festlegt, ob der Pass auf Modell-, Chargen- oder Artikelebene erstellt wird und welcher Datenträger zum Einsatz kommt.

Für Fertigungsunternehmen im DACH-Raum entscheidet sich an einer Stelle, ob ein DPP überhaupt befüllbar ist: am Manufacturing Execution System (MES). Ein ERP-System kennt den Auftrag und die Stückliste, ein PLM-System die Konstruktion, aber keines von beiden dokumentiert das tatsächliche Ist-Geschehen auf dem Shopfloor mit Zeitstempel, Maschinenbezug und Chargenbezug. Genau dieses Ist-Geschehen verlangt ein DPP: nicht die geplante Rezeptur, sondern welche konkrete Eingangscharge in welchem Fertigungsschritt auf welcher Maschine mit welchem Energieeinsatz verarbeitet wurde. Einen Überblick über die Funktionsbausteine, aus denen sich diese Datenbasis zusammensetzt, gibt die Übersicht zu MES-Funktionen und Modulen.

Wichtig für die Einordnung: Ein MES erzeugt keinen Digitalen Produktpass. Es liefert die Rohdaten, aus denen ein DPP-Register den Pass zusammensetzt. Diese Unterscheidung wird in Erstgesprächen häufig verwischt, weil MES-Anbieter ihre bestehenden Traceability-Funktionen naheliegenderweise in Richtung DPP positionieren. Nach öffentlich zugänglichem Stand August 2026 bewirbt kein etablierter MES-Hersteller ein Produkt, das ausdrücklich als DPP-Modul bezeichnet wird. Was heute existiert, sind Traceability- und Materialverfolgungsfunktionen, die eine notwendige Datenbasis liefern, siehe dazu den vertiefenden Beitrag Traceability im MES. Die Lücke zwischen dieser Datenbasis und einem fertigen DPP-Eintrag muss ein Unternehmen selbst schließen, meist über eine zusätzliche Integrationsschicht.

Warum das jetzt schon relevant ist, auch ohne festen Stichtag für Ihre Produktgruppe: Die Datenkategorien, die ein DPP später verlangt, also Materialherkunft, Energieverbrauch je Fertigungsschritt, Chargen-Traceability und Lieferkettendaten, sind dieselben, die auch für Rückrufsicherheit, CO2-Bilanzierung und Kundenanfragen zu Lieferketten gebraucht werden. Wer diese Datenbasis unabhängig vom DPP-Stichtag aufbaut, arbeitet nicht ins Leere.

Vier Datenkategorien

Was ein MES für den DPP konkret beisteuern kann

Nicht jede MES-Installation liefert alle vier Kategorien automatisch. Welche MES-Funktion welche Kategorie trägt und wo die typische Erfassungslücke liegt, zeigt die folgende Übersicht.

01 · Materialherkunft

Eingangscharge mit Auftragsbezug

Trägt der Materialverbrauch im MES eine erfasste statt einer rückgerechneten Chargenreferenz, lässt sich für jedes Produkt die verbaute Eingangscharge und damit indirekt der Rohstofflieferant nachweisen.

  • MES-Funktion: Materialverwaltung mit Chargenbuchung am Verbauort
  • Typische Lücke: Backflush-Verbrauch statt Scan an der Station
  • Vertiefung: Traceability im MES
02 · Energieverbrauch je Schritt

Auftragsbezogene Energiedaten statt Anlagensumme

Ein DPP braucht den Energieeinsatz je Fertigungsschritt und Produkt, nicht den Tagesverbrauch einer Anlage. Das setzt eine auftragsbezogene Verknüpfung von Energiezählerdaten voraus.

  • MES-Funktion: Energiemanagement mit Maschinen- und Auftragsbezug
  • Typische Lücke: Energiedaten liegen nur anlagenbezogen vor
  • Vertiefung: Energiemanagement im MES
03 · Chargen-Traceability

Vorwärts- und Rückwärtsverfolgung

Die Genealogie vom Rohmaterial über Halbzeug und Baugruppe bis zum Endprodukt ist der technische Kern jedes DPP-Datensatzes und deckt sich mit etablierter MES-Traceability.

  • MES-Funktion: Chargenverwaltung, Genealogie, Serialisierung
  • Typische Lücke: Kette bricht bei Sammelbehältern oder Fremdvergabe
  • Vertiefung: MDE und BDE im MES
04 · Lieferkettendaten

Lieferantencharge und Zertifikat im Wareneingang

Ein DPP verlangt häufig auch Angaben zur vorgelagerten Lieferkette. Diese lassen sich nur mit dem DPP verknüpfen, wenn die Lieferantencharge beim Wareneingang als Pflichtfeld erfasst und nicht durch eine interne Hausnummer ersetzt wird.

  • MES-Funktion: Wareneingangsbuchung mit Lieferantenchargenfeld
  • Typische Lücke: Lieferantencharge wird beim Einbuchen verworfen
  • Vertiefung: MES, ERP, SCADA und MOM
Zeitplan der EU-Regulierung

Von der Rahmenverordnung zu den ersten Produktgruppen

Es gibt keinen einzelnen DPP-Stichtag für alle Produkte. Die Ökodesign-Verordnung setzt den Rahmen, verbindliche Pflichten entstehen erst über delegierte Rechtsakte oder eigenständige Verordnungen je Produktgruppe. Jede Angabe ist am Wortlaut im Amtsblatt der Europäischen Union geprüft, Stand August 2026.

DatumRechtsaktWas er regelt
18.07.2024 Verordnung (EU) 2024/1781, Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) Rahmenverordnung in Kraft. Kapitel III schafft die Grundlage für den Digitalen Produktpass. Artikel 9 Absatz 2 legt fest, dass ein delegierter Rechtsakt je Produktgruppe unter anderem Modell-, Chargen- oder Artikelebene sowie den Datenträger bestimmt.
08.01.2026 Verordnung (EU) 2024/3110, neue Bauprodukteverordnung Seit diesem Datum anwendbar. Artikel 76 führt einen eigenen digitalen Produktpass für Bauprodukte ein, Artikel 22 Absatz 5 verlangt zusätzlich einen herstellerspezifischen Identifizierungscode mit Chargen- oder Seriennummer, soweit verfügbar.
18.02.2027 Verordnung (EU) 2023/1542, Batterieverordnung Artikel 77 verpflichtet Industriebatterien über 2 kWh und Elektrofahrzeugbatterien zu einem Batteriepass. Artikel 13 Absatz 6 und 7 verlangen einen dauerhaft auf der Batterie angebrachten QR-Code, verknüpft mit einer individuellen Kennung nach ISO/IEC 15459.
offen Delegierte Rechtsakte für Textilien, Elektronik und weitere Produktgruppen nach Verordnung (EU) 2024/1781 Nach öffentlich verfügbarem Stand August 2026 befinden sich diese Rechtsakte im Vorbereitungsprozess der EU-Kommission. Ein verbindliches Anwendungsdatum steht für die meisten Produktgruppen außerhalb Batterien und Bauprodukten noch nicht fest.

Praxishinweis: Wer weder Batterien noch Bauprodukte fertigt, hat aktuell keinen festen DPP-Stichtag. Das ist kein Grund zu warten: Die Datenbasis, die ein künftiger delegierter Rechtsakt verlangen wird, deckt sich in den Grundzügen mit den vier auf dieser Seite beschriebenen Kategorien. Rechtsstand August 2026, maßgeblich ist stets der aktuelle Wortlaut im Amtsblatt der Europäischen Union.

Anbieterbeispiele

Wie reale MES-Systeme die DPP-relevanten Daten heute schon erfassen

Kein hier genannter Hersteller bewirbt nach öffentlich zugänglichem Stand August 2026 ein eigenes DPP-Modul. Alle drei dokumentieren aber Traceability- und Materialverfolgungsfunktionen, die eine Datenbasis liefern, wie sie ein Digitaler Produktpass benötigt. Die folgende Darstellung ist neutral und ohne Rangfolge, jeweils mit Verlinkung auf das vollständige Anbieterprofil.

Diskrete Fertigung

MPDV HYDRA X

MPDV Mikrolab GmbH (MES-Hersteller aus Mosbach in Baden-Württemberg, eigenfinanziertes Familienunternehmen, 530 Mitarbeitende, über 45 Jahre Projekterfahrung) ordnet den Funktionsumfang seines MES HYDRA X acht Kategorien zu, darunter eigenständig Material Management und Quality Management (Herstellerangabe, Stand 2026).

Die Material- und Chargenverwaltung von HYDRA X liefert die Datenbasis, die ein DPP für Materialherkunft und Chargen-Traceability benötigt, insbesondere für Automotive-Anforderungen an Rückverfolgbarkeit über Seriennummern.

  • Material Management als eigene Funktionskategorie
  • Quality Management mit Rückverfolgbarkeit über Seriennummern
Vollständiges MPDV-Profil
Elektronik und Halbleiter

Siemens Opcenter Execution

Siemens Opcenter ist das Portfolio für Manufacturing Operations Management der Siemens AG (Technologiekonzern mit Sitz in Berlin und München, gegründet 1847, rund 318.000 Mitarbeitende weltweit, Stand 30. September 2025). Für die Branchenvariante Electronics dokumentiert Siemens durchgängige Rückverfolgbarkeit der As-built-Daten für Leiterplatte und Box-Build, für Semiconductor Rückverfolgbarkeit bis auf den einzelnen Wafer mit vollständiger Genealogie (Herstellerangabe, Stand 2026).

Diese Traceability-Funktionen liefern die Datenbasis, die ein DPP für Chargen- und Bauteilherkunft in der Elektronikfertigung benötigt. Die schlankere Linie Opcenter X Essentials führt zusätzlich ein Track-and-Trace-Modul.

  • Electronics-Variante: As-built-Traceability bis Box-Build
  • Semiconductor-Variante: Wafer-Genealogie bis Die-Ebene
Vollständiges Siemens-Opcenter-Profil
Batch- und Prozessfertigung

AVEVA Manufacturing Execution System

AVEVA Group Limited (britischer Industriesoftware-Konzern mit Sitz in Cambridge, gegründet 1967 als CADCentre, seit 2023 vollständig Teil der Schneider Electric Gruppe) nennt für sein MES, früher Wonderware MES, Traceability und Genealogie als Kernfunktion, ausdrücklich beschrieben als Rückverfolgung von Materialien vom Fertigprodukt bis zum Rohstoff (Herstellerangabe, Stand 2026).

Diese Rückwärtsverfolgung vom Fertigprodukt zum Rohstoff liefert unmittelbar die Datenbasis, die ein DPP für den Nachweis der Materialherkunft in Batch- und Rezepturprozessen benötigt.

  • Traceability und Genealogie als dokumentierte Kernfunktion
  • Rückverfolgung vom Fertigprodukt bis zum Rohstoff
Vollständiges AVEVA-Profil

Alle drei Beispiele beruhen auf öffentlich zugänglichen Herstellerinformationen, Stand August 2026. Die Einordnung als DPP-relevante Datenbasis ist eine Analyse von Sectorlens und keine Herstelleraussage über einen Digitalen Produktpass. Sectorlens erhält keine Provision von MES-Anbietern.

Technische Umsetzung

Vom MES-Datenpunkt zum DPP-Datensatz

Zwischen dem, was ein MES heute erfasst, und einem fertigen DPP-Eintrag liegt eine Integrationsschicht, die in den meisten Fertigungsunternehmen noch nicht existiert. Die folgenden drei Schritte beschreiben, was diese Schicht praktisch leisten muss.

01

Maschinenanbindung absichern

Energiezähler, Chargenwaagen und Prüfstationen müssen mit Auftrags- und Maschinenbezug an das MES angebunden sein, in der Regel über OPC UA nach IEC 62541. Ohne diesen Bezug bleibt ein Messwert für einen DPP unbrauchbar, weil er sich keinem Produkt zuordnen lässt.

Grundlage: OPC UA für MES
02

Identifikation nach offenen Standards

Produktkennungen wie GTIN und Ereignisdaten im EPCIS-Format von GS1 sind die technischen Bausteine, auf die delegierte Rechtsakte bei Datenträger und Datenmodell zurückgreifen können. Ein MES, das Chargen bereits nach diesen Konventionen führt, spart beim späteren Anschluss an ein DPP-Register Aufwand.

Vertiefung: Kennzeichnungsverfahren im Vergleich
03

Audit Trail und Freigabelogik

Ein DPP-Datensatz muss so nachvollziehbar sein wie ein Prüfprotokoll: wer hat wann welchen Wert erfasst oder korrigiert. Diese Anforderung deckt sich mit der Audit-Trail-Logik, die viele MES bereits für die Qualitätsdokumentation führen.

Vertiefung: Qualitätsmanagement im MES

Für das Lastenheft: Wer ein MES neu beschafft oder erweitert und DPP-Fähigkeit als Anforderung mitgeben will, sollte die vier Datenkategorien dieser Seite als eigene Anforderungsgruppe im Lastenheft führen, statt sie unter einem allgemeinen Punkt „Traceability" zu verstecken. Wie ein solches Lastenheft aufgebaut wird, beschreibt MES-Lastenheft erstellen.

Praxis-Checkliste

Welche DPP-Daten Ihr MES heute schon hat, und welche fehlen

Zehn konkrete Prüfpunkte, mit denen ein Produktionsleiter am Montag im eigenen MES nachsehen kann, statt auf den nächsten delegierten Rechtsakt zu warten. Jeder Punkt lässt sich mit Ja, Nein oder Teilweise beantworten.

01

Trägt jede Materialbuchung eine erfasste statt eine gerechnete Charge?

Prüfen Sie stichprobenartig fünf Fertigungsaufträge: Steht im Datensatz eine gescannte Eingangscharge oder eine per Backflush über die Stückliste zugeordnete? Nur Ersteres ist DPP-tauglich.

02

Wird die Lieferantencharge beim Wareneingang als Pflichtfeld erfasst?

Wenn die Lieferantencharge beim Einbuchen in eine interne Hausnummer übersetzt und verworfen wird, fehlt die Verknüpfung zur vorgelagerten Lieferkette.

03

Liegen Energiedaten mit Auftragsbezug vor, nicht nur mit Anlagenbezug?

Fragen Sie Ihre IT, ob sich der Energieverbrauch eines einzelnen Fertigungsauftrags aus dem System ziehen lässt oder nur der Tagesverbrauch einer ganzen Anlage.

04

Ist die Vorwärtsverfolgung bis zur Versandeinheit geschlossen?

Prüfen Sie, ob eine gesperrte Eingangscharge bis zum Lieferschein und zur Kundenposition durchsucht werden kann, nicht nur bis zum Fertigwarenlager.

05

Werden Nacharbeitsschritte mit Verweis auf den Ursprungsauftrag gebucht?

Ein nachgearbeitetes Teil ohne Verknüpfung zur Ursprungscharge erzeugt eine doppelte, unvollständige Historie, die im DPP-Kontext genauso wie im Rückruf zum Problem wird.

06

Sind Sammelbehälter und Mischprozesse als eigene Objekte mit Zu- und Abgang geführt?

Ohne dokumentierte Mischanteile lässt sich aus einem Sammelbehälter keine belastbare Materialherkunft für einen DPP ableiten.

07

Ist die Kennzeichnung am Produkt für die gesamte Aufbewahrungsfrist lesbar?

Ein Etikett, das ein Waschbad oder eine Lackierung nicht übersteht, macht eine spätere Zuordnung zum DPP-Datensatz technisch unmöglich, unabhängig davon, was im System steht.

08

Existiert bereits eine Schnittstelle oder ein Exportformat für externe Datenabfragen?

Ein DPP verlangt eine extern abrufbare Darstellung. Prüfen Sie, ob Ihr MES heute überhaupt einen strukturierten Export für Dritte außerhalb des eigenen Werks anbietet.

09

Werden Chargen- und Seriennummern nach einer offenen Norm vergeben?

Eigene, firmeninterne Nummernkreise ohne Bezug zu GS1 oder ISO/IEC 15459 erhöhen den späteren Integrationsaufwand zu einem DPP-Register.

10

Gibt es einen Audit Trail für Korrekturen an chargenbezogenen Werten?

Ein DPP-Datensatz muss so nachvollziehbar sein wie ein Prüfprotokoll. Prüfen Sie, ob Korrekturen an Chargen- oder Energiedaten im MES protokolliert werden oder unbemerkt überschrieben werden können.

Häufige Fragen

Digitaler Produktpass und MES zwölf Fragen, zwölf klare Antworten

Die Antworten beruhen auf dem Wortlaut der genannten EU-Verordnungen und auf öffentlich zugänglichen Herstellerangaben, Stand August 2026. Sectorlens-Einschätzungen sind ausdrücklich gekennzeichnet.

Was ist der Digitale Produktpass und ab wann ist er Pflicht?

Der Digitale Produktpass (DPP) ist ein strukturierter, digital abrufbarer Datensatz zu einem Produkt, der Angaben zu Materialzusammensetzung, Herkunft, Reparierbarkeit, Umweltfußabdruck und Lieferkette bündelt. Rechtsgrundlage ist die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, Verordnung (EU) 2024/1781, die seit dem 18. Juli 2024 in Kraft ist. Kapitel III schafft den Rahmen, die konkreten Pflichten entstehen aber erst je Produktgruppe über delegierte Rechtsakte, sodass es keinen einzelnen Stichtag für alle Produkte gibt. Für Batterien gilt bereits ein festes Datum: Nach Verordnung (EU) 2023/1542, Artikel 77, brauchen Industriebatterien über 2 kWh und Elektrofahrzeugbatterien ab dem 18. Februar 2027 einen Batteriepass.

Warum ist das MES die primäre Datenquelle für den Digitalen Produktpass?

Ein Manufacturing Execution System (MES) erfasst genau die Ereignisse, aus denen sich die Fertigungsdaten eines DPP zusammensetzen: welche Charge welches Rohmaterials in welchem Fertigungsschritt verarbeitet wurde, wie viel Energie eine Maschine dabei verbraucht hat und welcher Lieferant welche Komponente geliefert hat. Andere Systeme wie ERP oder PLM kennen den Auftrag oder die Konstruktion, aber nicht das tatsächliche Ist-Geschehen auf dem Shopfloor. Das MES ist damit die einzige Systemebene, die den realen Fertigungsprozess mit Zeitstempel, Maschinenbezug und Chargenbezug dokumentiert, und genau diese Ist-Daten verlangt ein DPP, nicht die geplanten Sollwerte.

Welche Daten kann ein MES konkret für den Digitalen Produktpass liefern?

Vier Datenkategorien sind für die meisten Produktgruppen relevant. Erstens Materialherkunft über die im MES geführte Zuordnung von Eingangscharge zu Fertigungsauftrag. Zweitens Energieverbrauch je Fertigungsschritt, sofern das MES Energiedaten mit Maschinen- und Auftragsbezug erfasst. Drittens Chargen-Traceability, also die Vorwärts- und Rückwärtsverfolgung vom Rohmaterial zum fertigen Produkt. Viertens Lieferkettendaten, wenn Lieferantenchargen und Zertifikate im Wareneingang mit Chargenbezug erfasst werden. Welche dieser vier Kategorien ein bestehendes MES bereits liefert, hängt stark vom konfigurierten Funktionsumfang ab und ist keine Selbstverständlichkeit.

Erzeugt das MES den Digitalen Produktpass selbst?

Nein. Das MES ist eine Datenquelle, kein DPP-Register. Der delegierte Rechtsakt je Produktgruppe legt fest, welcher Datenträger verwendet wird und wer den Produktpass technisch bereitstellt, meist über ein herstellerseitig betriebenes DPP-Register mit einem Data Carrier wie QR-Code oder Data Matrix am Produkt. Zwischen MES und diesem Register braucht es in der Praxis eine Integrationsschicht, die MES-Ereignisdaten in das vom jeweiligen delegierten Rechtsakt geforderte Datenmodell überführt. Diese Schicht existiert heute bei den meisten Fertigungsunternehmen noch nicht und ist ein eigenständiges Projektthema neben der MES-Konfiguration.

Welche Produktgruppen sind vom Digitalen Produktpass zuerst betroffen?

Die Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1781 legt selbst keine Produktgruppe fest, sondern ermächtigt die EU-Kommission, Arbeitspläne und delegierte Rechtsakte je Produktgruppe zu erlassen. Am konkretesten ist der Zeitplan bislang bei Batterien über die eigenständige Verordnung (EU) 2023/1542 mit Pflichten ab dem 18. Februar 2027, und bei Bauprodukten über die neue Bauprodukteverordnung (EU) 2024/3110, die seit dem 8. Januar 2026 gilt und in Artikel 76 einen digitalen Produktpass für Bauprodukte einführt. Für Textilien und Elektronik laufen die delegierten Rechtsakte nach öffentlich verfügbarem Stand noch im Vorbereitungsprozess, ein verbindliches Datum steht dafür noch nicht fest.

Was unterscheidet den Digitalen Produktpass von bestehender Chargen-Traceability im MES?

Bestehende Chargen-Traceability im MES ist in der Regel intern und reaktiv ausgelegt: Sie beantwortet im Reklamations- oder Rückruffall, welche Chargen betroffen sind. Der Digitale Produktpass verlangt zusätzlich eine strukturierte, extern abrufbare und dauerhaft verfügbare Darstellung dieser Daten für Behörden, Kunden und Recyclingbetriebe, verknüpft mit einem physischen Datenträger am Produkt. Das ist ein Sprung von einer internen Datenbank zu einem öffentlich adressierbaren Datensatz mit definiertem Schema je Produktgruppe. Vorhandene Traceability-Daten sind eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für einen DPP.

Erfasst ein MES Energieverbrauch automatisch je Fertigungsschritt?

Nur wenn ein Energiemanagement-Modul oder eine entsprechende Schnittstelle zu Energiezählern konfiguriert und mit Auftrags- und Maschinenbezug verknüpft ist. Viele MES-Installationen erfassen heute Betriebs- und Maschinendaten wie Taktzeit, Stillstand und Ausschuss, aber keinen granularen Energieverbrauch je Auftrag oder Fertigungsschritt. Diese Lücke lässt sich meist nachrüsten, indem vorhandene Energiezähler über OPC UA oder vergleichbare Protokolle an das MES angebunden und die Messwerte auftragsbezogen statt nur anlagenbezogen gebucht werden. Ohne diesen Auftragsbezug bleibt der Energiewert für einen DPP unbrauchbar, weil er sich keinem konkreten Produkt zuordnen lässt.

Welche Anbieter liefern heute schon Traceability-Funktionen, die für einen DPP relevant sind?

Mehrere etablierte MES-Systeme dokumentieren Traceability- und Materialverfolgungsfunktionen, die eine Datenbasis für einen künftigen DPP liefern können, ohne dass die Hersteller dafür ein eigenes DPP-Modul ausweisen. MPDV HYDRA X führt Material Management und Quality Management als eigene Funktionskategorien. Siemens Opcenter dokumentiert für die Execution-Varianten Electronics und Semiconductor durchgängige Rückverfolgbarkeit bis auf Wafer- beziehungsweise Baugruppenebene. AVEVA Manufacturing Execution System nennt Traceability und Genealogie vom Fertigprodukt bis zum Rohstoff als Kernfunktion. Keiner der drei Hersteller bewirbt nach öffentlich zugänglichem Stand ein Produkt, das ausdrücklich als DPP-Modul bezeichnet wird, Stand August 2026.

Was kostet die Vorbereitung eines MES auf den Digitalen Produktpass?

Eine belastbare Zahl gibt es noch nicht, weil die konkreten Datenanforderungen erst mit den delegierten Rechtsakten je Produktgruppe feststehen und kein Anbieter dafür bereits ein fertiges Produkt vermarktet. Nach Sectorlens-Einschätzung aus laufenden MES-Auswahlprojekten mit Traceability-Schwerpunkt verursacht die Schließung typischer Datenlücken wie fehlender Energiebezug je Auftrag oder unvollständige Lieferantenchargenführung häufig einen Aufwand im Rahmen einer mittleren Erweiterung des bestehenden MES, nicht einer Neubeschaffung. Die tatsächlichen Kosten hängen stark davon ab, wie viele der vier Datenkategorien bereits vorhanden sind und wie viele neu aufgebaut werden müssen.

Muss ich jetzt schon mit der MES-Vorbereitung auf den Digitalen Produktpass beginnen?

Das hängt von Ihrer Produktgruppe ab. Wer Batterien oder Bauprodukte fertigt, hat mit den Jahren 2026 und 2027 bereits konkrete Zieldaten und sollte die Datenbereitschaft jetzt prüfen. Für die meisten anderen Produktgruppen steht der delegierte Rechtsakt noch aus, wodurch sich der exakte Datenumfang noch ändern kann. Sinnvoll ist in jedem Fall, unabhängig vom Stichtag zu prüfen, welche der vier Datenkategorien Materialherkunft, Energieverbrauch je Schritt, Chargen-Traceability und Lieferkettendaten im eigenen MES bereits vorhanden sind, weil diese Basisarbeit unabhängig vom konkreten delegierten Rechtsakt Wert hat.

Welche Rolle spielen GS1 und EPCIS beim Digitalen Produktpass?

GS1-Standards wie GTIN zur Produktidentifikation und EPCIS zur Abbildung von Ereignisdaten entlang der Lieferkette gehören zu den etablierten technischen Bausteinen, auf die delegierte Rechtsakte bei der Wahl des Datenträgers und Datenmodells zurückgreifen können. Für den Batteriepass schreibt Verordnung (EU) 2023/1542 in Artikel 13 Absatz 6 eine über QR-Code abrufbare individuelle Kennung nach der Normenreihe ISO/IEC 15459 vor, die mit GS1-Kennungen kompatibel ist. Ein MES, das Chargen und Serialisierung bereits nach GS1-Konventionen führt, hat dadurch einen technischen Vorteil beim späteren Anschluss an ein DPP-Register, eine Pflicht zur Nutzung von GS1 ist das aber nicht in jedem Fall.

Was passiert, wenn mein MES die DPP-Daten nicht liefern kann?

Ohne die notwendigen Ist-Daten aus der Fertigung lässt sich ein vollständiger und geprüfter DPP nicht erstellen, was ab dem jeweiligen Stichtag des delegierten Rechtsakts ein Compliance-Risiko darstellt und im schlechtesten Fall den Marktzugang für das betroffene Produkt in der EU gefährdet. In der Praxis bedeutet eine Datenlücke meist zusätzlichen manuellen Erhebungsaufwand als Übergangslösung, etwa durch Rückrechnung aus Stücklisten oder Nacherhebung beim Lieferanten, was fehleranfälliger und teurer ist als eine strukturierte MES-Erfassung. Die Checkliste auf dieser Seite hilft, den eigenen Nachholbedarf vor dem jeweiligen Stichtag konkret zu benennen.

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